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14 24/04

Im Außendienst, Tag 2: Zu Besuch beim 21. Internationalen Trickfilm Festival in Stuttgart

Festivals, die wie das Trickfilmfestival Stuttgart statt auf unnahbaren Glamour auf direkten Kontakt zwischen Filmmemachern und Publikum setzen, haben Vorteile. Einer ist sicherlich, dass sich dem neugierigen Besucher die Gelegenheit bietet, überlieferte Mythen der Filmproduktion zu hinterfragen und mit neuen Augen zu sehen. Wer sich in seinem Leben schon einmal etwas näher mit Animationsfilm auseinandergesetzt hat, dürfte zum Beispiel an dem Satz "Animatoren sind Schauspieler" nicht vorbeigekommen sein. In jeder "Hinter den Kulissen"-Doku streift die Kamera mal durch das Studio und fängt einen dieser Animatoren ein, wie er Grimassen im Spiegel zieht, bevor er den (heute meist virtuellen) Stift auf Papier setzt.

(Filmstill aus Rio 2 - Dschungelfieber, Copyright: Twentieth Century Fox)

Ich habe trotzdem irgendwie angenommen, dass das "Schauspiel" in der Animation eine Sache ist, die sich vor allem aus Instinkt und grafischem Vorstellungsvermögen nährt. Das ITFS sandte mir am Mittwoch Chip Lotierzo, Lead Animator bei Blue Sky Studios, um mich eines Besseren zu belehren. Normalerweise schicken die Studios als Abgesandte eher nicht die Animatoren selbst, sondern deren Supervisors. Lotierzo aber ging in seiner Präsentation wirklich ins Eingemachte und zeigte, wie er die Bewegungen seines Charakters in Rio 2 sorgfältig mithilfe von Aktionslinien plant. Die Linien geben vor, was jeweils im Kopf des Charakters vorgeht, während er spricht. Als Referenz nehme er seine eigenen Gefühle in einer ähnlichen Situation, erklärt Lotierzo. Echtes Method Animating.

Umso deprimierender, dass der Lead Animator am Ende erzählte, dass in Rio 2 insgesamt vielleicht drei Minuten Animation von ihm stammen. So verteilt ist der Arbeitsprozess in den großen Studios inzwischen. Wer mehr selbst machen will, braucht eben länger. So wie der Este Mait Laas, der an seinen Film Lisa Limone and Maroc Orange - A Rapid Love Story ganze sieben Jahre arbeitete. Als Fulltime Job. Mit acht Kollegen.

Lisa Limone gehört zu der Art Film, die man gesehen haben muss, um sie zu glauben. Nicht nur, dass er die Lovestory zwischen einer illegal eingewanderten Orange und einer jungen Zitrone erzählt; nicht nur, dass diese Geschichte eingebettet ist in eine Rahmenhandlung, in der eine fies aussehende Tomate als Impressario auf der Bühne steht; nicht nur, dass all dies mit stereoskopischer handanimierter Stop-Motion erreicht wird. Außerdem hat der ganze Film auch noch die Form einer Oper, in der die Charaktere einander in drei Sprachen besingen: Die Orangen auf Französisch, die Zitronen auf Italienisch und eine Muschel mit Beinen auf Englisch.

(Filmstill aus Lisa Limone and Maroc Orange - A Rapid Love Story, Copyright: Nukufilm)

Es sollte niemanden verwundern, dass die Empathiebrücke zwischen Film und Publikum bei so viel Streben nach Einzigartigkeit manchmal ein paar Lücken aufweist. Der Film ist wunderbar komisch und voll mit brillanten visuellen Details, aber er driftet auch zwischendurch so sehr ins Absurde ab, dass man als Zuschauer in Versuchung gerät, sich innerlich auszuklinken. Insbesondere die singende Muschel wird mich mit ihren Beine und Stielaugen, ihrer langen, heraushängenden Zunge und ihrem stechenden Alt noch lange in meinen Träumen verfolgen. Sie beginnt ihre Existenz als Maroc Oranges Hut auf dem Flüchtlingsschiff, wird dann von Lisa Limone am Strand gefunden und folgt ihr nach Hause. Später entscheidet Lisas Vater, der eine Ketchup-Fabrik besitzt, dass er mit den vokalen Fähigkeiten der Muschel Geld verdienen will und jagt sie in seinem gelben Cabrio durch die Straßen der Stadt. Erst als Lisa die Muschel aus der Truhe befreit, in der ihr Vater sie gesperrt hat, erzählt diese die Geschichte von Maroc Oranges Herkunft.

(Filmstill aus Lisa Limone and Maroc Orange - A Rapid Love Story, Copyright: Nukufilm)

Ich habe lange mit mir gehadert, ob ich die Nähe zu den Filmemachern, die das Festival mir bietet, auch in diesem Fall nutzen sollte. Aber Regisseur Mait Laas, ein Mittdreißiger mit verschmitztem Gesicht, war im Gespräch so angenehm, dass ich ihn wenigstens bat, mir die Rahmenhandlung mit der Tomate zu erklären. Nun ja, meinte er. Der Erzähler des Films sei eine Tomate und in der Geschichte würden Tomaten zu Ketchup verarbeitet. Sei das nicht auch in unserer globalisierten Welt so, dass wir nicht sicher sein können, ob wir Tomaten nicht schon im nächsten Moment Ketchup sein könnten, wenn sich die Weltordnung ändert? Diese Art Film ist Lisa Limone and Maroc Orange eben.

(Alex Matzkeit)