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12 21/05

Like Someone in Love

Alter Mann trifft junges Mädchen in Japan - na, klingelt da was? Richtig, mit dieser schlichten Logline eroberte Sofia Coppolas Lost in Translation nicht nur die Zuschauerherzen, sondern auch die kritischen Geister der Academy (falls Sie hier irgendwo ironische Anführungszeichen vermissen - bitte sehr, hier sind sie, bedienen Sie sich: „", „", „"). Im Fall von Abbas Kiarostamis Like Someone in Love aber zündet die schlichte Story-Idee und deren noch schlichtere Ausführung leider ganz und gar nicht - weswegen der Beifall für diesen Film sich bei der Pressevorführung in Cannes in ähnlich übersichtlichem Rahmen hielt wie die dürftige Storyline.

Und die geht so: Akiko (Rin Takanashi) ist eine eher lustlose Studentin der Soziologie an der Universität von Tokio und arbeitet (auch das geschieht natürlich lustlos, wie es für diesen Film kennzeichnend ist) als Escort für vermögende ältere Herren . In dieser "Funktion" begegnet sie dem freundlichen älteren Takashi Watanabe (Tadashi Okuno), einem Schriftsteller und Übersetzer. Nach einer gemeinsamen Nacht fährt Takanashi die junge Frau zurück an die Uni, doch dort wartet bereits Akikos notorisch eifersüchtiger Freund Noriaki (Ryo Kase).

Abbas Kiarostami lässt seinen Film in einer Bar beginnen - und baut bereits wie in Die Liebesfälscher einen doppelten Boden ein. Denn der Bildausschnitt, den er wählt, zeigt nicht das junge Mädchen, das da spricht, vielmehr sehen wir nur die Reaktionen von deren Freundin auf die Ausflüchte und kleinen Lügen, die Akiko gegenüber ihrem Freund wählt. Was dann aber folgt, reicht - abgesehen von einigen guten Dialogen und clever gebauten Sequenzen - in keiner Weise an Die Liebesfälscher heran. Niemals fügt sich der Film, für den Kiarostami vorzugsweise der schlichten Schuss-/Gegenschuss-Dramaturgie frönt, zu einer stimmigen Geschichte zusammen, die einen Sog erzeugt, für deren Figuren man sich auch nur annähernd interessieren könnte. Fast scheint es so, als wisse der Regisseur selbst nicht, welche Geschichte er eigentlich erzählen will und verlasse sich allzu sehr auf seine technischen Fähigkeiten, aus denen heraus sich der Zuschauer schon einen stimmigen Plot basteln werde. Mit dieser hingeschluderten Skizzenhaftigkeit können nur die wenigsten etwas anfangen.

Manchen Regisseuren tut zuviel Lob offensichtlich nicht gut. War Abbas Kiarostamis letzter Film Die Liebesfälscher noch einer der (und meiner) Höhepunkte des eigentlich ganz ordentlichen Cannes-Jahrgangs 2010, markiert Kiarostamis neues Werk Like Someone in Love eines ersten echten Tiefpunkt des diesjährigen Wettbewerbs von Cannes - vom Genre-Langweiler Lawless mal abgesehen.

Andeutungen und Auslassungen, die Ambivalnezen von Gezeigten und Verweigertem sind ja durchaus bei vielen Filmen das Salz in der Suppe - und gerade Die Liebesfälscher spielte virtuos mit dem, was man zwischen den Zeilen, neben den Bildern und im nicht sicht- und hörbaren Raum entdecken kann. Im Falle von Like Someone in Love aber drängt sich der nicht unerhebliche Verdacht auf, dass der nicht gezeigte, der andere, der ungeschriebene und nicht realisierte Film womöglich der wesentlich interessantere gewesen wäre. Weil das, was uns Kiarostami hier auf der Leinwand präsentiert, genau dies eben nicht ist: Es ist weder interessant, noch subtil noch in irgendeiner Weise relevant oder gar unterhaltsam - wenn man von gelegentlichen Dialogpreziosen einmal absieht.

Und dann hat es noch begonnen zu regnen - und zwar richtig. Das Tiefdruckgebiet, das die Côte d'Azur an diesem Sonntag erreicht hat, findet seine filmische Entsprechung in Abbas Kiarostamis Film, der so manchem kräftig die Laune verhagelt hat. Für einen Sturm der Entrüstung mag man sich allerdings nicht aufraffen. Also: Haken dran und weitermachen! Das Wetter wird bestimmt irgendwann besser. Und der nächste gute Film wartet schon im nächsten Kino.

(Joachim Kurz)