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Green Room

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Kinostart: 02.06.2016
FSK: 18
Genre: Thriller, Horror
Tags: Mord, Band, Neonazi, Punkrock, Cannes 2015

Punker vs. Nazis

Es gibt Tage, die so dermaßen scheiße sind, dass man gar nicht mehr weiß, was man machen soll. Mit dem letzten, geklauten Benzin im Tank hat sich die Punkband Ain't Rights ans Ziel ihres letzten Gigs geschleppt, als ihnen gesagt wird, dass dieser gecancelt ist. Aber der Veranstalter hat da noch einen Cousin, der einen Ersatzgig bieten kann.

Und so fahren die Ain't Rights in irgendein verlassenes Kaff und spielen in einem heruntergekommenen Schuppen, der allerdings überraschend aktiv von Neonazis frequentiert wird. Aber es kommt schlimmer, denn nach dem Auftritt werden sie sofort rausgeschmissen. Und es kommt noch schlimmer: Sie haben ihr Handy im Green Room, im Bandraum, vergessen und als sie es holen wollen, stolpern sie in ein paar Nazis, die gerade über einer Frauenleiche stehen, die noch ein Messer im Kopf stecken hat. Und noch bevor jemand "Scheiße!" rufen kann, ist schon die Hölle los. Die Band wird mit einer Waffe bedroht, darf den Raum nicht verlassen, und draußen wird das Publikum weggeschickt und anstatt dessen eine kleine Nazi-Kampftruppe zusammengestellt. Wie kommt man da nur wieder raus?

Jeremy Saulniers Antwort darauf ist so einfach wie ehrlich: gar nicht oder zumindest wahrscheinlich nicht lebend. Und so beginnt sich das Duell Punker vs. Nazis explosionsartig zu entfalten. Nun könnte man meinen, solche Duellsituationen, vor allem in Genrefilmen, wären nur das Mittel der Wahl, um möglichst viel Blut und Schlachterei zu sehen. Und damit entsprechend relativ langweilig, mal abgesehen vom Ratespiel, wer wohl als nächste drauf geht. Aber nicht bei Saulnier.

Schon sein letzter Film Blue Ruin, der im Jahr 2013 in der Quinzaine in Cannes lief, lieferte ähnlichen Stoff: ein Psychothriller mit Horror- und Westernmotiven, der alles andere war als "das Übliche". In Green Room setzt Saulnier seine Erneuerung des klassischen Genrekinos nun fort. Dabei stützt er sich vor allem auf ein formidables Drehbuch und ein Händchen für dramatisches Timing, was die wenigsten haben. Anders gesagt: Hitchcock hätte Spaß. In keinem Moment weiß man als Zuschauer, was wohl als nächstes kommt, zu keiner Zeit lässt sich auch nur erahnen, wer überlebt oder als nächstes stirbt und die Momente voller Action und Gewalt kommen jedes Mal so plötzlich, dass man bis zum Ende des Filmes auf der Vorderkante des Kinositzes hockt, der Körper gespannt vor Erwartung, getrieben von der kinetischen Energie des Filmes.

Das wohl Spannendste an Green Room ist aber seine Authentizität. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Filmen verwandeln sich die Bandmitglieder plötzlich nicht in Supermenschen, die im Angesicht des Todes Unglaubliches vollbringen. Im Gegenteil, sie sind einfach nur Leute, die in Panik sind, die nur raus wollen und deren Aktionen jederzeit nachvollziehbar sind, anstatt daherzukommen wie ein perfekter Kampfeinsatz. Gleiches gilt für die Momente voller Brutalität, wenn Menschen verletzt werden oder sterben. Nie sind diese Momente vorhersehbar, stets kommen sie mit einer Wucht und einem Schock, so wie es im richtigen Leben wohl auch wäre.

In gewisser Weise entmystifiziert Saulnier hier Situationen, die durch viele andere Filme und Videospiele einen Charakter der Machbarkeit angenommen haben, der in der Realität nicht existent ist. Und so schlägt einem Green Room links und rechts um die Ohren, knallt und explodiert, macht, was er will und lässt seine Zuschauer am Ende geschockt zurück. Aber mit dem Gefühl, ernst genommen worden zu sein und einer Geschichte beigewohnt zu haben, die einen packt, weil sie eben so tatsächlich passieren könnte. Auch wenn Punker vs. Nazis das erst einmal nicht vermuten lassen würde.

(Beatrice Behn)

Daten & Fakten

Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2015
Länge: 96 (Min.)
Verleih: Universum Film / 24 Bilder
Kinostart: 02.06.2016

Cast & Crew

Regie: Jeremy Saulnier
Drehbuch: Jeremy Saulnier
Kamera: Sean Porter
Schnitt: Julia Bloch
Musik: Brooke Blair, Will Blair
Hauptdarsteller: Mark Webber, Anton Yelchin, Alia Shawkat, Imogen Poots, Patrick Stewart

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