15 03/07

"X + Y" von Morgan Matthews

Seit Rain Man ist Autismus ja eine feste Stereotype im popkulturellen Gedächtnis – und damit ist eine Vorstellung verbreitet, die womöglich eher schädlich als sinnvoll ist. Einer der Protagonisten in Morgan Matthews' Dokumentarfilm Beautiful young minds (2007) bemerkt dazu recht trocken am Anfang des Films, die Vorstellungen von Autismus hätten sich in den letzten dreißig Jahren doch recht deutlich verändert, aber alle dächten immer noch an diesen einen Film...


(Trailer zu X+Y)

Beautiful young minds begleitet eine Gruppe junger Briten auf ihrem Weg durch diverse Trainingscamps bis zur Mathematik-Olympiade, einem internationalen Wettbewerb für mathematisch hochbegabte Schülerinnen und Schüler. Seine Erfahrungen dort haben Matthews offenbar so beeindruckt, dass er auf der Grundlage dieses Materials nun X + Y gedreht hat, einen Spielfilm, von dem es im Abspann heißt, er sei von Matthews' Dokumentarfilm "inspiriert" worden; de facto finden sich ganze Dialogzeilen wörtlich in X + Y wieder, und die Figuren der Erzählung sind sichtbar – dramaturgische Zuspitzungen inklusive – den Jugendlichen aus dem Dokumentarfilm nachempfunden.

Ganz nah am Leben soll das also sein, und vielleicht tut es dem Film, dessen Hauptfiguren unserer täglichen Weltwahrnehmung so fern sind, ganz gut, wenn es eine gewissermaßen nachprüfbare Ähnlichkeit zu "real events" gibt. Nathan (Asa Butterfield) ist ein Junge mit autistischen Zügen, synästhetischer Wahrnehmung und einer starken Inselbegabung im Bereich der Mathematik. Muster sind ihm wichtig, gleichförmige Tagesabläufe auch, und zu emotionalen Äußerungen ist er kaum in der Lage.


(Filmstill aus X + Y; Courtesy: Filmfest München 2015)

Aber X + Y lässt lange Zeit offen, wie viel von seiner Verschlossenheit womöglich mit dem frühen Unfalltod seines Vaters zu tun hat, der einzigen Person, die zu Nathan als Kind auch emotional durchdringen konnte. Seine Mutter (Sally Hawkins) richtet zwar ihr Leben danach aus, was Nathan braucht und einfordert, fühlt sich aber immerzu am Rand des Scheiterns. Nathan findet schließlich Zuspruch bei einem Lehrer (Rafe Spall), der durch seine Multiple Sklerose selbst einsam geworden ist; und als er zur Vorbereitung auf die Mathematik-Olympiade nach China fährt, findet er erstmals auch Freunde. 


(Filmstill aus X + Y; Courtesy: Filmfest München 2015)

Butterfields Nathan ist eine natürliche, glücklicherweise ganz andere Figur als 1988 Dustins Hoffmans "Rain Man" Raymond Babbitt. Er bewegt sich im Großen und Ganzen selbständig durch die Welt, ein Eigenbrötler, der sich wie nebenbei aus einem Buch Mandarin beibringt und durch reines Zusehen lernt, ein wenig Bach auf dem Klavier zu spielen.

Matthews' Spielfilmdebüt ist eine sehr zweischneidige Angelegenheit. Seine Volten und Gefühlsbewegungen hin zu einem Happy End wirken doch recht konstruiert, die ganze Geschichte und ihre Personen zu sehr von einem pädagogischen Geist beseelt, der Nathans Weltwahrnehmung einer größeren Öffentlichkeit verständlich machen will. Und zugleich möchte man den Film gerne mögen, weil er selbst, weil seine Protagonistinnen und Protagonisten so grundsympathisch sind, ohne je charakterlich eindimensional zu sein.

"I have lots of things to say. I'm just afraid to say them," sagt Nathan einmal, ein wörtliches Zitat aus Beautiful young minds, und eine der schönsten Bewegungen des Films ist, wie sich diese Angst langsam löst. Das ist auch eine durch Kulturwechsel bedingte Öffnung: China sei viel entspannter gegenüber Menschen, Kindern, die besondere Begabungen hätten.


(Filmstill aus X + Y; Courtesy: Filmfest München 2015)

Und noch ein kleiner Kulturunterschied tut sich auf: "I think it is funny", sagt die junge Chinesin Zhang Mei, die sich in Nathan verliebt, "that your favorite English food is Chinese." Wer je zur Nahrungsaufnahme über längere Zeit auf die britische Küche angewiesen war, weiß hingegen, Autismus hin oder her, wie Nathan dazu kommt.

(Festivalkritik Filmfest München 2015 von Rochus Wolff)

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