12 13/02

Sister

Die Touristen sind alle anonym. Unter den Helmen und den dicken Skianzügen sehen sie alle gleich aus. Doch einen quirligen kleinen Jungen fischt sich Ursula Meier in ihrem Film Sister heraus und erzählt seine Geschichte. Es ist der 12-jährige Simon (Kacey Mottet Klein), der mit seiner Schwester (Léa Seydoux) am Fuße eines Skigebiets in den Schweizer Alpen wohnt. Der Junge klaut wie ein Profi Skier und Ausrüstung der reichen Touristen, um sie später zu verkaufen. Seine kriminelle Energie ist kein Selbstzweck, auch kein Spaß oder Zeitvertreib - es ist seine Existenzgrundlage.

Simon ist ein Junge, den man so schnell nicht wieder vergisst, vor allem weil er uns ans Herz wachsen wird. Er stiehlt zwar wie ein Profi, doch gerade diese Arbeitsweise - die auf eine "langjährige" Erfahrung schließen lässt - trotzt dem skeptischen Zuschauer Respekt ab. Simon handelt und feilscht beim Verkaufen seiner gestohlenen Waren derart clever und pragmatisch, dass man sich zudem dabei ertappt, sich selbst einen solchen Geschäftssinn zu wünschen. Und bereits hier ist der Zuschauer gefangen, lobt den Jungen für sein Geschick, statt sich die Fragen zu stellen: Warum muss der Kleine stehlen, um zu überleben? Warum geht er nicht zur Schule? Wo sind seine Eltern.

Ihm stellen unsere Stellvertreter diese Fragen, zum Beispiel die Touristin (Gillian Anderson) oder der englische Saisonarbeiter (Martin Compston), selbst einer der vielen Bettgefährten von Simons älterer Schwester fragt ihn nach seinen Eltern. Doch die Geschichte vom tödlichen Unfall löst sich in Luft auf, weist auf das tragische Schicksal dieses Jungen hin, den seine viel ältere Schwester nie betreut, da sie damit beschäftigt ist, ständig mit neuen Typen ins Bett zu springen. Verglichen mit ihr, ist Simon erwachsen.

Sister ist der neue Film der Schweizer Regisseurin Ursula Meier, die vor zwei Jahren mit Home - damals mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle - einen unerwarteten Arthouse-Hit landete. Meier verlässt mit Sister das Terrain der in Home fast schon surrealen Ausgangslange zu Gunsten eines glasklaren und ungeschönten Realismus. Schon von den ersten Szenen an erinnert ihr Film daher stark an das Kino der belgischen Dardennes-Brüder. Meiers Regiestil ist zwar weniger streng mit gewollten stilistischen Grenzen versehen, doch die Ähnlichkeiten - gerade zu Der Junge mit dem Fahrrad - sind nicht von der Hand zu weisen. Auch Meier folgt ihrem Protagonisten auf Schritt und Tritt. Manchmal heftet sich die Kamera an Simons Schulter und blickt mitfühlend und zuneigungsvoll auf den schweren Alltag einer verlorenen Jugend.

Der Film ist handwerklich äußerst überzeugend umgesetzt und verfügt mit seinem jungen Hauptdarsteller über ein ganz besonderes Kinojuwel. Sein zartes Gesicht und seine zerbrechliche Gestalt stehen ständig im krassen Gegensatz zu seinem erwachsen Verhalten, das von einem unbändigen Willen zeugt, sich mit einem harten Leben zu arrangieren. Mit Rückschlägen ist zu rechnen. Und wenn in einer großartigen Szene das Drehbuch seine zweite Ebene offenbart, erhält dieses Schicksal eine glaubwürdige und nachvollziehbare Vergangenheit. Das in diesem kritischen Moment Meiers Film nicht zerbricht, ist vielleicht seine größte Kunst.

Sister ist auf der Berlinale neben Petzolds Barbara und Mendozas Captive der dritte heiße Favorit auf einen Bären. Und sollte - wenn man den sozial-realistische Geschmack des Jury-Präsidenten Mike Leigh bedenkt - irgendeinen Preis mit nach Hause nehmen. Aber der Film - der bereits einen deutschen Verleih hat - wird über die Berlinale hinweg eine sicherlich glanzvolle Zukunft haben. Ursula Meier findet gegen Ende ihres Films ein Bild, das wie ein Ohrfeige wirkt, weil es direkt an unsere oft kalte und abweisende Gesellschaft adressiert ist: Nachdem Simon bei einer Diebstahlstour geschnappt wird, packen ihn einige Männer in die Gondel, mit der sie den Müll aus dem Restaurant ins Tal bringen. Sie zögern nicht eine Sekunde und entledigen Simon gleich mit.

(Patrick Wellinski)

Fotos (C) Roger Arpajou

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