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09 06/03

„Wir hecheln doch alle wie die Hunde, nur damit man uns liebt“ – Ein Interview mit Claire Denis zu ihrem Film 35 Rum

© Real Fiction Filmverleih
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Claire Denis´ Film 35 Rum beschreibt die Sehnsüchte einiger kleinen Gruppe von Menschen in der Peripherie von Paris. Im Zentrum stehen Lionel und seine erwachsene Tochter Josephine, die sich voneinander lösen müssen. Aber da ist auch Noe, der Josephine liebt, die ihn aber zurück drängt oder Gabrielle, die sich nach Lionel verzehrt. Monika Sandmann traf Claire Denis zur Kölner Filmpremiere.


Sie haben sicher schon einen Interviewmarathon hinter sich?
Oh ja. Ich bin auch etwas müde. Also nicht müde, im Sinne, dass ich schlafen möchte, sondern eher, weil ich immer das Gleiche sage. Ich bemühe mich selbst, noch andere Dinge in meinem Film zu sehen.

35 Rum spielt in der Welt der Immigranten. Sie selbst haben Ihre Kindheit in Kamerun verbracht. Hat das eine mit dem anderen zu tun?
Ja, das habe ich. (überlegt). Aber diesmal habe ich eigentlich keinen Immigrantenfilm gemacht. Der Lionel ist ja eigentlich kein Immigrant. Er kommt aus Martinique. Deshalb ist er schwarz. Aber Martinique gehört zu Frankreich. So ist er auch Franzose. Es ist also kein Film über Immigranten. Es geht um die Trennung zwischen Vater und Tochter.

Aber lange ist gar nicht klar, dass Lionel und Josephine Vater und Tochter sind. Man hat vielmehr das Gefühl, Liebhaber zu sehen oder auch ein altes Ehepaar.
Es sind nur 6 Minuten, bis man weiß, wer die Beiden sind. Es ist nur ganz kurz, dass man etwas anderes denkt. Nur am Anfang. Aber ich wollte, dass sie wie ein Ehepaar wirken. Dass sie so eingespielt sind und gut harmonieren. Umso schwerer fällt Ihnen die Trennung.

Wieso glaubt Lionel, dass die Zeit reif für eine Trennung ist? Sie leben doch sehr gut zusammen.

Ich glaube, das kommt in ganz vielen kleinen Details zutage. Lionel spürt, dass es Zeit wird, sich von seiner Tochter abzulösen. Da ist zum Beispiel sein Kollege, der in Rente gehen wird. Für den es Zeit ist, das Berufsleben hinter sich zu lassen. Das ist zum Beispiel ein Indiz für Lionel, die Ablösung seiner Tochter zu suchen, während Josephine glücklich ist und an keine Trennung denkt. Ich will ja auch nicht mit dem Zeigefinger auf einen Inhalt zeigen. Es gibt Kollegen, die das machen. Ich finde, die könnten auch einen Brief schreiben, statt einen ganzen Film zu drehen.

Der Hintergrund der Geschichte liegt in Ihrer eigenen Vergangenheit.
Ja. Das ist die Geschichte meiner Mutter und meines Opas. Er war Witwer und hat meine Mutter allein großgezogen. Außer ihr hatte er keine Kinder und er hat nie wieder geheiratet. Meine Geschwister und ich dachten immer, was für ein einschneidender Moment es gewesen sein muss, als unsere Mutter ihn irgendwann verlassen hat.

Haben Sie mit Ihrem Opa und Ihrer Mutter darüber geredet?
Mein Opa ist schon gestorben, als ich 12 Jahre alt war, aber ich habe immer die enge Verbundenheit zwischen den Beiden gefühlt. Ich musste darüber auch nicht mit meiner Mutter sprechen. Ich war nur einmal mit ihr in einer Filmreihe des japanischen Regisseurs Ozu. Da ging es um das gleiche Thema. Sie hat sehr geweint – genauso wie ich. Aber sie hat auch den Film gesehen. Aber dabei hat sie nicht sich selbst erkannt sondern nur das Gefühl zwischen Vater und Tochter.

Es geht viel um Sehnsucht? Sie haben mal in einem Interview gesagt, "das Paradies ist da, wo ich mich in meiner Welt fühle". Trifft das auch auf die Figuren in ihrem Film zu?
Ja. Ich glaube, das Paradies ist da, wo man gern ist, wo man geliebt wird. Wir hecheln doch alle wie die Hunde, nur damit man uns liebt. Im Film wollen die Figuren auch nur geliebt werden.

Warum haben Sie die Reise nach Deutschland eingefügt?
Ich kenne Lübeck selbst gut. Ich wollte dort drehen. Auf dem Friedhof. (wo Josephines Mutter begraben ist). Die Mutter sollte aus einer ganz anderen Kultur kommen.

Was bedeutet die Schwester der toten Mutter, die von Ingrid Caven gespielt wird? Im Unterschied zu Lionel und Josephine ist sie geschwätzig, tötet fast den Nerv?
Oh, ich wollte gern mit Ingrid Caven drehen. Aber ich hatte auch überlegt, dass Lionel und Josephine nach Lübeck reisen und dort vor einer verschlossenen Tür stehen könnten. Aber Ingrid wünschte sich eine größere Rolle. Die Frau, die sie spielt, spricht einfach deshalb so viel, weil sie sonst immer allein ist. Endlich ist jemand da, mit dem sie reden kann. Und so redet sie ohne Unterlass. Und sehr oft sieht sie Lionel ja auch nicht.

Woher holen Sie grundsätzlich Ihre Ideen? Gehen Sie "auf die Suche"?

Nein, das tue ich nie. Aber es ist ganz unterschiedlich. Es sind oft mehrere Einflüsse, mehrere Ideen, die zusammen kommen und die sich dann zu einem Film zusammen fügen. Ich habe zum Beispiel vor 20 Jahren einen Artikel über einen Metrofahrer gelesen. Das fand ich sehr spannend. Sowas bleibt im Gedächtnis und irgendwann ergibt sich aus diesen Ideen eine Geschichte.

Im Film ist Lionel Schaffner der Pariser Vorortzüge RER.
Im Gegensatz zur Metro fährt der RER niemals ins Zentrum. Es ist ein Verkehrsmittel, das die Menschen am Stadtrand abholt und in ihre Vororte zurückbringt. Er verbindet zwei Welten miteinander, die wenig voneinander wissen. Die Metro ist ein Teil von Paris; wenn man die Metro nimmt, ist man in der Stadt. Der RER hingegen ist etwas Besonderes, denn er ist mit dem Leben der Menschen verbunden. Die Fahrer wissen das und sind stolz darauf.

Den Titel Ihres Films 35 Rum klären Sie nie auf?
Ja, denn ehrlich gesagt kann sich das doch jeder denken.

(Es ist die Legende eines karibischen Freibeuters: Er will sich betrinken, wenn seine Tochter einmal heiratet)

Was ist Ihr nächstes Projekt?
Im Moment sitze ich im Schneideraum, aber ich habe keine Ahnung, wann der Film fertig sein wird.

Wie schwer ist es für Sie, Ihre Filme finanziert zu bekommen?
Ich bekomme leicht mein Geld, nein nicht ganz so leicht. Aber ich filme immer mit kleinem Budget. Ich brauche nicht viel. Ich kann ganz gut leben.

Sie arbeiten fast immer mit den gleichen Leuten zusammen, wie Ihre Kamerafrau Agnes Godard oder ihr Coautor Jean-Pol Fargeau. Welche Vor- und welche Nachteile hat das?
(lacht) Nur Vorteile! Ich arbeite gern mit Leuten zusammen, die ich mag. Ich teile gern diese Erfahrungen mit Freunden. Mit Jean-Pol Fargeau (der Co-Autor) arbeite ich immer gemeinsam. So wie wir hier am Tisch sitzen. Allerdings sitzen wir dann bei mir zuhause am Küchentisch. (lacht)

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