• Home
  • News
  • "Wenn ich nichts mehr ändern kann, dann wird der Film nicht mehr geguckt!" - Marc Rothemund im Interview zu "Heute bin ich blond"
Zurück zur Übersicht
13 28/03

"Wenn ich nichts mehr ändern kann, dann wird der Film nicht mehr geguckt!" - Marc Rothemund im Interview zu "Heute bin ich blond"

Meinungen
0
Tags: Marc Rothemund, Lisa Tomaschewsky, Sophie van der Stap
Seit dem 28. März läuft Marc Rothemunds Verfilmung des autobiografischen Romans Heute bin ich blond der Niederländerin Sophie van der Stap in den Kinos. Anne Facompre hat sich für kino-zeit.de mit dem Regisseur getroffen.

Warum haben Sie sich nach einer leichten Komödie wie Mann tut was Mann kann für diesen Film entschieden?

Weil ich das große Glück hatte, dass man mir die Autobiographie zu lesen gab und die mich beeindruckt, berührt und unterhalten hat. Ich glaube, ich habe daraus sogar viel gelernt. Ich habe schon immer versucht, bei meinen Projekten stetig zwischen Lachen und Weinen zu wechseln. Wenn es richtig gut läuft, bekomme ich beides in einen Film. Aber nach Harte Jungs habe ich zum Beispiel Sophie Scholl gedreht. Da ist die Spanne noch etwas extremer als von Mann tut was Mann kann zu Heute bin ich blond. Aber genau so gefällt es mir, ich mache gerne mal etwas humorvolleres und wechsele dann zu einer existenzielleren Geschichte.

Stellen autobiographische Geschichten hierbei noch einmal eine besondere Herausforderung dar, weil man dem Material gerecht werden möchte?

Ich finde es einfach super spannend. Bei Sophie Scholl waren wir zum Beispiel die ersten, die an die originalen Gesprächsprotokolle rankamen. Durch mein Interesse an den letzten Tagen der Sophie Scholl kam es tatsächlich zu Stande, dass wir die Protokolle und Briefe als allererstes zu Gesicht bekamen. Wir haben auch mit der Schwester und mit Freunden gesprochen. Und ähnlich spannend war es auch mit der Sophie van der Stab, einer lebenden Person. Wir haben uns zusammengesetzt und uns erst einmal kennengelernt. Denn das geschriebene Wort unterscheidet sich dann doch noch einmal von der lebenden Person, die einem gegenüber sitzt. Es ist einfach ein ziemlich magischer Moment, wenn man eine Autobiographie gelesen hat und genau die Person einem dann plötzlich gegenüber sitzt. Wir haben uns also wahnsinnig lange unterhalten und ich habe viele Fragen gestellt. Sie hat uns beim Drehbuch und den Kostümen begleitet und Lisa Tomaschewsky war bei ihr zu Hause und konnte ihre Familie kennenlernen. Wir haben auch alle Namen beibehalten und die Figuren sehen optisch ähnlich aus. Trotzdem muss man natürlich eine eigene Welt und eine eigene Figur schaffen. Und die Geschichte muss verdichtet werden, so dass sie in 105 Minuten passt. Aber ich muss sagen, dass ich das Ganze als Abenteuer empfinde und als das größte Geschenk, das der Beruf so mit sich bringt.




Und was empfanden Sie als größte Schwierigkeit?

Ich arbeite meist zwei bis drei Jahre an einem Film, das und alleine die Finanzierung ist schon ein Abenteuer für sich. Dann natürlich das Casting, weil wir nach einer jungen Darstellerin suchten. Wir haben ganz breit alles angeschrieben: Modelagenturen, Theater, Schauspielschulen, einfach alles. Das ganze Material musste dann auch erst einmal gesichtet werden. Es gab circa sieben Durchläufe mit den emotionalsten Szenen aus dem Buch. Das Schwierigste war dabei nicht einmal, jemanden zu finden, der wirklich gut aussieht und bereit ist, sich die Haare abzuschneiden oder so. Sondern es war auch wirklich nicht einfach, jemanden zu finden, dem alle neun Perücken standen. Man glaubt es nicht! Ich hatte so viele Schauspielerinnen, die toll und wunderhübsch waren, aber an irgendeiner Perücke sind sie dann alle gescheitert. Wir wollten aber jemanden, der wirklich mit jeder Haarpracht gut aussah und jemanden, bei dem man einfach nicht sofort erkennen konnte, dass die Haare nicht echt waren. Dadurch dass Lisa Model ist, hat sie natürlich auch die langen Maskenzeiten immer sehr gut bewältigt. Aber sie war auch bei dem emotionalen Szenen unglaublich gut. Es gab ja wirklich viele Szenen, die schon sehr ergreifend waren und als Regisseur versuche ich immer, die emotionale Reise mit den Schauspielern zu gehen. Dies mit jemandem zu tun, der wenig Schauspielerfahrung hat und es trotzdem authentisch hinzubekommen, das war natürlich auch eine Herausforderung. Es war also wirklich eine Achterbahn der Gefühle.

Zumal Sie den Film ja auch nicht in chronologischer Reihenfolge gedreht haben. Fröhliche und unbefangene Szenen wurden also manchmal direkt nach ganz furchtbar ergreifenden gedreht. Macht das die Sache noch schwieriger?

Ja, das ist ein guter Punkt. Wir fingen quasi mit der Mitte des Films an. Alles, was im Sommer spielt, wurde zuerst gedreht. Und dann wurden die verschiedenen Sets alle nacheinander abgeschlossen. Sprich: Alle Szenen die in ihrem Zimmer spielen, dann alle, die im Rest der Wohnung spielen und so weiter und sofort. Dadurch ist es für die Schauspieler natürlich auch immer ein ziemliches Hin und Her und man erlebt die Reise nicht in dem gleichen Ablauf, wie sie für die Figur stattfinden soll.

Und an welchem Drehtag musste Lisa ihre Haare lassen?


Oh, das wird so am zehnten Tag gewesen sein. Danach mussten aber auch noch Szenen gedreht werden, in denen sie ihre Haare noch hatte. Also brauchten wir dafür noch eine weitere Perücke. Und die zwei Zentimeter langen Haare am Ende des Films sind auch nicht echt. Ich bin also nun ein ziemlicher Perückenfachmann (lacht).

Inwieweit sind Sie vom Buch abgewichen und welche Freiheiten haben Sie sich genommen?

Wir sind grundsätzlich so wenig wie möglich von der Vorlage abgewichen. Das Wichtigste war, dass die Idee, der Espirit und die Aussage des Buches im Film wiederzufinden sind. Deswegen war es auch so wichtig, dass Sophie uns die ganze Zeit begleitet hat. Auch beim Schnitt. Bevor wir das Werk abgegeben haben, haben wir ihr den Film gezeigt und sie hat dann auch noch mal gute Vorschläge zu kleinen Änderungen gemacht. Außerdem beschreibt das Buch in den letzten hundert Seiten auch noch, wie ihre Laufbahn als Journalistin begann. Es hört also nicht wie wir mit der Heilung auf. Außerdem gab es in dem Buch noch ein paar andere Figuren, die ihr wichtig waren. In einem Film haben wir aber nicht soviel Zeit und Platz, das alles zu etablieren. Daher habe ich ein paar Personen zu einer zusammengefügt, das Ganze also wieder verdichtet. Sonst versuche ich natürlich, die Dinge, die mich am meisten berührt haben, gut auf die Leinwand zu bringen. Aber es ist schon immer wichtig, die Geschichte auf Filmlänge zu kondensieren, sonst sprengt es den Rahmen.

War es schwierig, die richtige Balance zu finden?

Ja, das war gewiss nicht immer einfach. Ich bin zum Beispiel großer Fan von Andreas Dresen. Wenn ich nun Halt auf freier Strecke nehme, dann ist das etwas ganz anderes. Es ist ein sehr intensiver und wertvoller Film, aber einfach nicht die Art von Film, in die man die Massen bekommt. Es war mir schon wichtig, die Kraft und Lebensfreude dieser 21-jährigen mindestens so sehr auf die Leinwand zu bringen wie ihr leiden. Ich weiß gar nicht, ob ich einen Film wie Halt auf freier Strecke hätte machen können. Als Mensch fühle ich mir dafür fast noch zu jung. Es ist so ein hartes Thema. Deswegen war es mir wichtig, dass der Film nicht nur voller Verzweiflung ist, sondern dass man eben auch etwas dagegenhalten muss.

Aber die Diskussion gab es durchaus?

Ja, bis heute (lacht). Sophie und ich haben da endlos drüber gesprochen. Aber die Geschichte ist so reichhaltig. Es geht ja nicht nur um Krebs, sondern zum Beispiel auch um den besten Freund, in den sie sich dann plötzlich verliebt und den Liebeskummer und all das. Oder der Vater, der immer so nah am Wasser gebaut und die Mutter, die die Starke ist. All diese Nebenstränge eben. Da war eine gewisse Ausgewogenheit einfach wichtig.

Ist ein Film für Sie jemals fertig?

Ja, absolut. Wenn ich etwas kann, dann ist es gut loslassen. Ich reize zeitlich und finanziell eigentlich immer alles aus und kriege dann auch zu hören, dass jetzt wirklich nichts mehr geht. Dann habe ich eine letzte Vorführung, die ich mir ansehe und dann gucke ich ihn mir für Jahre nicht mehr an. Wenn ich nichts mehr ändern kann, dann wird der Film nicht mehr geguckt. Das ist doch ein schönes Schlusswort! (lacht).

(Anne Facompre)

Ihre Meinung zu dieser Meldung

Ihre Meinung zu dieser Meldung. (Felder mit * müssen ausgefüllt sein)

Arthouse top 10

Quelle: AG Kino

  1. 1 Woche 6 Monsieur Claude und seine Töchter
  2. 2 Woche 2 Madame Mallory und der Duft von Curry
  3. 3 Woche 1 Can a Song Save Your Life?
  4. 4 Woche 4 Ein Augenblick Liebe
  5. 5 Woche 7 Wir sind die Neuen
  6. 6 Woche 13 Boyhood
  7. 7 Woche 5 Die geliebten Schwestern
  8. 8 Woche 4 Gott verhüte!
  9. 9 Woche 1 Diplomatie
  10. 10 Woche 3 Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück
  11. 11 Woche 8 Die Karte meiner Träume
  12. 12 Woche 6 Feuerwerk am helllichten Tage
  13. 13 Woche 2 Sag nicht, wer du bist
  14. 14 Woche 12 Das Schicksal ist ein mieser Verräter
  15. 15 Woche 3 Jimmy's Hall
  16. 16 Woche 5 Jersey Boys
  17. 17 Woche 2 Rheingold - Gesichter eines Flusses

Partner

  • Deutsche Film- und Medienbewertung
  • Arthaus Filme
  • Filmförderung Baden-Württemberg
  • Cineplex Kinos
  • Sala Web