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13 27/03

Sehnsuchtsbücher auf der Leinwand

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Tags: Kolumne , Kinderfilm, Rochus Wolff

Sitzplatzerhöhung: Für’s Kind im Kino

Sie kennen das: Wenn eine Literaturverfilmung im Kino läuft, und man kennt das Buch, liebt es womöglich, dann kauft man sich nur mit großer Skepsis ein Ticket. Und ich behaupte jetzt mal: Mit Kinderfilmen ist das eigentlich noch schlimmer. Als seien alle Filme, die sich an Kinderliteratur abarbeiten, zum Scheitern verurteilt. Ich musste jüngst darüber nachdenken, weil nun gerade Der Mondmann ins Kino kam, nach einem Bilderbuch von Tomi Ungerer, aber dazu später.

War früher nicht doch alles besser? Selbst wenn ich die Filme, die ich als Kind gesehen und deshalb vermutlich inzwischen mit einer Patina aus Liebe und Nostalgie versehen habe, heute nochmal ansehe, hebelt mir das dieses Vorurteil nicht aus. Die 2010 auf die Welt erbrochene Fassung von Die Konferenz der Tiere ist jedenfalls um so viel unfassbare Längen schlechter als Curt Lindas gleichnamiger Trickfilm von 1969, man glaubt es kaum.

Aber hatte Linda damals wirklich Erich Kästners Buch treffend verfilmt? Ich lande doch immer wieder bei den Fragen, die sich bei jeder Literaturverfilmung stellen: Ist das nah am Buch? Und will man das überhaupt? Das Problem ist ja beim Transfer von Papier auf Zelluloid bzw. Pixel stets, dass die Vorlage nicht nur Stoff und Bilder (zunächst im Kopf) bietet, sondern für den Film auch Gefängnis ist. Das Problem also ist vielleicht, dass ich von so einer Verfilmung Unmögliches verlange: sie soll eng am Quelltext sein und doch eigenständig. Das kann natürlich nicht gehen, zumal wenn es um ein Buch geht, das ich als Kind lieb gewonnen, aufgesogen habe.

Ein konkretes Beispiel: Die von vielen geschätzte Verfilmung Curt Lindas (er schon wieder!) von Das kleine Gespenst kann mich nicht wirklich überzeugen, obwohl ich ja seinen auch recht eigenwilligen Konferenz so mag. Aber beim Gespenst bleibt wenig von Erzählhaltung und Stimmung erhalten, der Film versucht mit Grusel und nicht wenig Klamauk die Stimmung hochzuhalten; beides gibt es im Buch so nicht. Und natürlich mag auch eine Rolle spielen, dass die bewegten Bilder des Films nur wenig mit den Zeichnungen meines Kinderbuchs gemein haben.

Ich könnte noch zahlreiche Beispiele anführen. Ich finde, gewiss eine massentaugliche Meinung, die Lindgren-Verfilmungen wie Pippi Langstrumpf und Ronja Räubertochter ebenso gelungen wie die Puppenkisten-Variationen von Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. Aber bin ich mir in meinem Urteil womöglich nur deshalb so sicher, weil ich sie als Kind schon gesehen habe und sie neben den dazugehörigen Büchern zu meinen Sehnsuchtserinnerungen gehören? Und wie ist es mit den zwei Räuber-Hotzenplotz-Filmen? Das fliegende Klassenzimmer? Emil und die Detektive in seinen zahlreichen Leinwandvarianten?

Aber ich erinnere mich auch genau, dass ich Die Unendliche Geschichte seinerzeit (ich muss so elf, zwölf gewesen sein) schon bei der ersten Sichtung mit der vagen Angst sah, dass die "reinen" Erinnerungen aus einem meiner Lieblingsbücher durch einen Film ziemlich beschädigt werden könnten. Natürlich wurde diese Befürchtung nicht enttäuscht. (Anderes Thema: Ich war wohl auch ein wenig präpubertär-platonisch verknallt in die Filmfigur der "Kindlichen Kaiserin". So werden Kinofans gemacht.)

Jetzt nochmal zum Mondmann, den ich – sagen wir’s direkt – nicht wirklich leiden konnte. Da irritierte mich schon das Aufblasen dieses schmalen Kinderbüchleins von Tomi Ungerer zum abendfüllenden Spielfilm; aber allein daran und am Team kann es nicht liegen, denn Die drei Räuber, bei dem alles ähnlich ist (Autor, Länge von Vorlage und Film, beteiligte Personen), ist ein wunderbarer Film geworden. Was bleibt: Der Mondmann geht am Geist der Vorlage vorbei, er mischt zwar viele Ungerer-typische Themen und Figuren mit ein, das Bezaubernde des Buches aber fällt toterzählt zu Boden.

Und vielleicht ist das wirklich ein zentrales Kriterium: Dass der Film seine Vorlage respektvoll, liebevoll und zugleich mit klarem Geist verwandelt, seinen Wesenskern aber nicht verändert. Gerade bei den Büchern, die auch uns in unserem Kern mit bestimmt haben, nähmen wir ihm das besonders übel.

(Rochus Wolff)

Rochus Wolff ist Filmkritiker, Feminist und Vater, nicht notwendigerweise immer in dieser Reihenfolge. Er schreibt regelmäßig über ganz und gar nicht kindertaugliche Filme, und sonst immer öfter ins Kinderfilmblog.

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Quelle: AG Kino

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