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09 24/12

"Der Film selbst, das ist meine Heimat" – Interview mit Fatih Akin zu seinem neuen Film "Soul Kitchen"

© corazón international / Achim Kröpsch
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Bei den Filmfestspielen von Venedig gefeiert und mit dem Sonderpreis der Jury ausgezeichnet, kommt Fatih Akins neuer Film Soul Kitchen pünktlich zu Weihnachten in die deutschen Kinos. Nach den kunstvollen und schweren Dramen Gegen die Wand und Auf der anderen Seite markiert der Film einen Wechsel ins komödiantische Fach und schildert gutgelaunt und mitunter ausgelassen vom auf und Ab einer Szenekneipe in Akins Heimatstadt Hamburg. Kurz vor dem Kinostart des Films war Akin gemeinsam mit deinem besten Freund, Hauptdarsteller und Co-Autoren Adam Bousdoukos unterwegs durch Deutschland, um den Film persönlich vorzustellen. kino-zeit.de traf den Regisseur bei seinem Zwischenstopp in Mannheim.

Es ist ungefähr zehn Jahre her, dass Sie "Im Juli" gedreht haben. Der Film erzählt von einem Mann und einer Frau, die Hamburg verlassen und Europa durchqueren mussten, um einander zu begegnen. Mussten Sie auch eine lange Wegstrecke hinter sich bringen, um mit Ihrem neuen Film wieder in Hamburg anzukommen und diesen Film zu machen?
Ja, irgendwie schon. Der Weg hin zu Gegen die Wand war recht steinig und auch bei Crossing the Bridge habe ich oft den Bosporus überquert. Das kann man also schon so deuten.

Nach Filmen wie "Im Juli", "Gegen die Wand" und "Auf der anderen Seite", die Ihre Protagonisten weit weggeführt haben, zum Teil bis über den Bosporus hinaus, markiert "Soul Kitchen" ja auch eine Art Rückkehr in die Heimat, in Ihre Heimat. Und auch Sie selbst bezeichnen den Film als "Heimatfilm". Was macht für Sie Heimat bei diesem Film aus?
Letztendlich ist der Film selbst meine Heimat, also das Medium. Das umfasst alles: Den Schreibtisch und den Computer, an dem ich mein Drehbuch schreibe, das Set und das Zirkusleben dort, auch die Leute, mit denen ich zusammenarbeite, der Schneideraum und am Ende eben das Kino – eigentlich ist das alles meine Heimat. Und Soul Kitchen ist für mich ein sehr filmischer Film, er beschreibt für mich auch die Lust am Kino und am Medium an sich.

Neben dieser Art von Heimat ist Soul Kitchen ja auch eine Liebeserklärung an Hamburg, das Sie als ganz tolle Stadt mit sehr besonderen Menschen schildern...
Vor allem ist Hamburg aber auch eine Stadt mit ganz tollen neoliberalen Menschen, die dafür sorgen, dass alte Gebäude und Viertel einfach abgerissen werden. Da sind wir als Künstler, aber auch als Bürger dazu aufgefordert, ganz genau hinzuschauen, was da eigentlich passiert und unsere Stimme zu erheben. Und dass man damit etwas erreichen kann, sieht man ja in Hamburg mit der Petition "Not in our name". Wir haben es geschafft, dass das Gängeviertel, das bereits an einen Investor verkauft worden war, nun von der Stadt zurückgekauft wird.

Wie ist denn überhaupt die die Idee zu "Soul Kitchen" entstanden?
Fatih Akin: Das kann Adam (Bousdoukos, der Co-Autor und Hauptdarsteller des Films) am besten erklären.
Adam Bousdoukos: Das hat vor etlichen Jahren angefangen, als Fatih zu mir ins Restaurant gekommen ist. Ich hatte wirklich mal ein Restaurant, das hieß allerdings nicht "Soul Kitchen" sondern "Sotiris", und war eine klassische griechische Taverne. Da hat es unzählige Partys gegeben, es gab Flamencoveranstaltungen, Abende mit Dichterlesungen, Fatih hat dort als DJ Musik gemacht usw. Das "Sotiris" war ein Treffpunkt vieler verschiedener Kulturen und Arten von Kunst, die dort alle miteinander in Berührung kamen. Und da sind so viele lustige kleine Geschichten passiert, dass wir irgendwann beschlossen haben, aus diesen Erlebnissen einen Film zu machen. Das wird bestimmt ganz lustig, haben wir uns gedacht.
Fatih Akin: Die erste Drehbuchfassung ist dann ganz schnell entstanden. Und trotzdem hat es dann noch einmal fünf Jahre und insgesamt 13 Drehbuchfassungen gedauert, bis der Film gedreht werden konnte.

Es gibt so viele gute Bands aus Hamburg, die tolle Musik machen. Warum haben Sie sich trotzdem für Jan Delay entschieden, der viel zum Soundtrack des Films beigetragen hat?
Fatih Akin: Jan ist schon der Beste. Ich mochte schon immer die "Absoluten Beginner" (Jan Delays frühere HipHop-Formation), höre die seit 1993 und habe auch alle Platten von denen. Ich würde Jan Delay auch toll finden, wenn ich ihn nicht kennen würde. Ich mag seine Texte, seine politische Haltung und er vertritt auch ein gewisses Erbe, nämlich das von Udo Lindenberg und Rio Reiser. Zudem finde ich seine Musik besser als die von vielen anderen Künstlern, ich bin selbst von HipHop gewissermaßen sozialisiert worden, das ist die Musik, die mich auch heute noch am meisten packt. Und nicht zuletzt hat Jan auch eine große Nähe zur Soul Music, die ja in dem Film eine wichtige Rolle spielt.

"Soul Kitchen" ist ja nicht nur ein Film über Musik, sondern auch über das Essen, über Hamburg, über Liebe und Rückenschmerzen. Ist Ihnen das nie zu viel geworden, so viel in einer Geschichte erzählen zu wollen?
Es sind ja kleine Sachen, von denen wir erzählen, womöglich existenzielle Dinge, aber wir schöpfen da ja aus unserer Biografie. Wir versuchen, all diese Erfahrungen miteinander zu verstricken in einer 99-minütigen knackigen Geschichte. Aber so ein Film wie Auf der anderen Seite ist auch sehr reich gespickt mit Themen: Es geht um den EU-Beitritt der Türkei, das Ende der linken Bewegungen, um die Frage "Bewaffneter Widerstand – ja oder nein?", um homoerotische Beziehungen. Das Leben ist reich an Themen, und meine Filme sind eben nah am Leben.

In manchen Szenen ist der Humor in "Soul Kitchen" schon sehr direkt, sehr derb, sehr offensiv. Wie kamen Sie dazu, solche Szenen mit in den Film aufzunehmen, wenn Sie – wie Sie es in einem Interview ausgedrückt haben – immer wieder von Selbstzweifeln geplagt waren und teilweise dachten, der Film sei überhaupt nicht witzig?
Das hängt natürlich auch mit meinen eigenen filmkomödiantischen Vorlieben zusammen. Ich mag den Humor von Peter Sellers, teilweise auch die Komik von Louis de Funès sowie von Bud Spencer und Terence Hill. Ich finde so was witzig, mir gefällt das einfach. Wir haben über einzelnen Szenen wie beispielsweise die auf dem Friedhof lange diskutiert, ob wir sie drin lassen oder rausschmeißen. Wir haben dann aber festgestellt, dass genau diese Szene in verschiedenen Ländern anders ankommt. In Hamburg hat da niemand drüber gelacht, in Toronto hingegen hat sich das ganze Kino köstlich drüber amüsiert.

Ihr Film hat in Venedig einen Sonderpreis der Jury bekommen. Was bedeuten Ihnen Preise wie dieser?
Eigentlich sind das keine Kategorien, in denen ich denke. Mich interessieren andere Dinge an einem Film: Zunächst mal die Frage, wie ich den Film im Einzelnen inszeniere, dann aber auch natürlich Fragen der Vermarktung: Ist das nun ein Film für die Programmkinos oder die Multiplexe usw. Andererseits dachte ich mir schon, dass es mit diesem Film, der manchmal doch recht klamaukig ist, recht schwer werden könnte in den Feuilletons, ich hatte Angst, dass die mich abschießen. Da ist es schon toll, wenn eine Jury unter dem Vorsitz von Ang Lee den Film gewissermaßen unter Artenschutz stellt und eine Art Anwaltsfunktion für den Film einnimmt.

Stefan Arndt von X Film Creative Pool hat gerade angekündigt, sich aus der Geschäftsführung zurückzuziehen, weil ihm die Verantwortung zu viel wird und er sich wieder auf seine Tätigkeit als Produzent konzentrieren will. Wie ist das bei Ihnen? Sie arbeiten als Regisseur und sind gleichzeitig als Miteigentümer von corazón International auch Produzent Ihrer Filme. Empfinden Sie das als Doppelbelastung und haben Sie manchmal auch Lust, sich in Zukunft wieder nur auf Ihre Arbeit als Regisseur zu konzentrieren?
Nein, im Gegenteil, ich empfinde das überhaupt nicht als belastend, sondern als komplette Befreiung. Ich habe zehn Jahre lang die Erfahrung gemacht, was es heißt, fremde Produzenten zu haben. Was es heißt, mein eigener Produzent zu sein, besteht in dem Recht, meine eigenen Fehler zu machen, nicht die Fehler eines Anderen. Das ist ein sehr, sehr wesentliches Recht, vor allem beim Filmemachen.

Was steht als nächstes Projekt auf dem Plan?
Da halte ich es wie Rudi Carell: Lass dich überraschen.

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