Die stillen Trabanten (2022)

Melancholische Menschen

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Der 1977 in Halle/Saale geborene Schriftsteller Clemens Meyer zählt seit seinem 2006 veröffentlichten (und 2014 von Andreas Dresen verfilmten) Debütroman „Als wir träumten“ zu den viel beachteten und fraglos auch beachtenswerten Namen der deutschen Gegenwartsliteratur. Mit dem vier Jahre jüngeren Regisseur Thomas Stuber verbindet ihn eine längere Zusammenarbeit. So schrieben die beiden etwa gemeinsam die Drehbücher zu den Filmdramen „Herbert“ (2015) und „In den Gängen“ (2018). Insbesondere in letzterem – einer Adaption von Meyers gleichnamiger Kurzgeschichte – gelang es dem Duo, der zunächst eher trist erscheinenden Berufs- und Lebenswelt der Figuren etwas zutiefst Poetisches zu verleihen, ohne dabei die Realität zu verkitschen.

Dies setzt sich nun in Die stillen Trabanten fort. Abermals führte Stuber Regie; das Skript verfasste er zusammen mit Meyer, auf Basis dreier Texte aus dem gleichnamigen, 2017 erschienenen Erzählband des Autors. Wie üblich stehen Personen im Mittelpunkt, die am ostdeutschen Stadtrand leben, beziehungsweise sich dort aufhalten. Mit seinem Stammkameramann Peter Matjasko fängt Stuber das nächtliche Leipzig ein – mit den Lichtern in der Dunkelheit, die hier nichts Glamouröses an sich haben (wie dies in Filmen über Berlin, München oder Düsseldorf wohl der Fall wäre), sondern eher wie kleine, isolierte Punkte im (N)irgendwo wirken. Einsamkeit ist eines der großen Themen dieses Werks – aber auch deren teils nur vorübergehende, teils durchaus aussichtsreiche Überwindung.

Die stillen Trabanten ließe sich als großes Schauspielkino bezeichnen, da sämtliche Mitglieder des Ensembles wahrlich eindringliche Leistungen abliefern. Dennoch wäre diese Beschreibung vermutlich eher irreführend, da sie mit übersteigerten Gesten, mit alles überschattenden Szenen-Diebstählen assoziiert werden könnte – was wiederum extrem weit von dem entfernt wäre, was wir hier zu sehen bekommen. Vielmehr legen alle Beteiligten eine derart behutsam-zurückhaltende Spielweise an den Tag, die perfekt zu den Orten, Figuren und Situationen passt, die Meyer in seinen Erzählungen erschafft. Ebenso wie das Umfeld werden auch die fein gezeichneten Charaktere nie überhöht. Ihr Leben in überwiegend prekären Verhältnissen wird weder verklärt noch ausgestellt, es wird ganz einfach mit Würde geschildert und verkörpert.

Da ist zum einen der Imbiss-Koch Jens (Albrecht Schuch), der mit seinem Kollegen Mario (Andreas Döhler) die Nächte totschlägt und sich in seine Nachbarin Jana (Lilith Stangenberg) verliebt, die sich seit neuestem Aischa nennt und Kopftuch trägt, weil sie zum Islam konvertiert ist. Und zum anderen begleiten wir den Wachmann Erik (Charly Hübner), der eine Verbindung zur jungen Migrantin Marika (Irina Starshenbaum) aufbaut, die in einer Unterkunft für Geflüchtete wohnt. In diesen zwei Episoden kommt es zu einnehmenden Momenten, die das Gefühl der Verlorenheit stimmig vermitteln – zum Beispiel, wenn Erik über Funk mit seinem Kollegen Hans (Peter Kurth) spricht. „Ist alles okay bei dir?“, fragt Erik in sein Handfunkgerät hinein, nachdem die beiden sich überraschend offen und privat ausgetauscht haben. Es ist einer dieser Augenblicke der Zartheit – irgendwie traurig, und zugleich wunderschön.

Die mit Abstand stärksten Passagen gehören indes der Reinigungskraft Christa (Martina Gedeck) und der Frisörin Birgitt (ganz fantastisch: Nastassja Kinski), die sich in einer verrauchten Kneipe in Bahnhofsnähe begegnen. Christa ist Teil des Trupps, der die eintreffenden Züge säubert; Birgitt arbeitet in einem Salon im Bahnhof. In der schummrigen Atmosphäre des Lokals fangen die beiden eine Konversation an – zunächst ziemlich unbeholfen, dann immer vertrauter. Ein Beisammensein folgt auf das nächste; nebenbei erfahren wir mehr über die Biografien der zwei Frauen, über Ex-Ehen, Kinder, berufliche Werdegänge, Träume. Bald wird aus Bekanntschaft Freundschaft – und aus Freundschaft vielleicht Liebe? Wenn die beiden zu Uriah Heeps Lady in Black tanzen, ist das wahnsinnig romantisch, ohne jeglichen sentimentalen Beigeschmack.

Beim ersten Aufeinandertreffen trägt Christa zwei Kirschkerne mit sich. Als Birgitt sie fragt, was diese denn zu bedeuten hätten, gibt Christa eine poetische Antwort; später berichtet sie dann, weshalb sie die Kerne eigentlich mit sich herumschleppt. Die erste Antwort verliert dadurch gleichwohl nichts von ihrer Aufrichtigkeit – so wie die Momente der Schönheit in diesem Film das Reale und Echte nie überdecken, sondern dem Ganzen nur leise und bedacht etwas Hoffnungsvolles abringen.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer-streaming/die-stillen-trabanten-2022