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Vincent will Meer

Meinungen
18

4 Sterne aus 223 Bewertungen

Kinostart: 22.04.2010
FSK: 6
Genre: Drama, Komödie
Tags: Reise, Meer, Magersucht, Tourette-Syndrom, Urne, Heim
 

Ein Roadmovie unter erschwerten Umständen

Eine Gruppe von Außenseitern will weg. Zunächst klingt das nicht besonders innovativ, kennt man diese Handlung doch aus Filmen wie Knocking on Heaven’s Door und Verrückt nach Paris. Mit dem letzteren Film hat Vincent will Meer sogar noch mehr gemeinsam: Hier wie dort sind es drei Bewohner und Bewohnerinnen einer therapeutischen Einrichtung, die es in die Ferne zieht.

Der 27jährige Vincent (Florian David Fitz, der auch das Drehbuch geschrieben hat) leidet am Tourette-Syndrom, und seine geliebte Mutter ist gerade gestorben. Sein Vater, ein viel beschäftigter Politiker (Heino Ferch) weiß mit seinem "behinderten" Sohn nicht viel anzufangen und organisiert ihm deshalb einen Platz in einem Heim. Vincents erster Eindruck von seinem neuen Zuhause ist katastrophal: Sein Zimmergenosse Alexander (Johannes Allmayer) ist ein Zwangsneurotiker, der ihm als erstes verbietet, die Toilette zu benutzen. Anfassen soll er möglichst gar nichts. Besser versteht Vincent sich da schon mit Marie (Karoline Herfurth), die wegen ihrer Magersucht hier ist. Marie ist es auch, die nach einem Streit mit der Therapeutin Dr. Rose (Katharina Müller-Elmau) deren Autoschlüssel klaut. Wenig später befinden sich die drei auf der Fahrt nach Italien, wo Vincent die Asche seiner Mutter ins Meer streuen will. Dabei wollte Alexander die anderen eigentlich nur aufhalten…

Was in jeder Einstellung nach hinten losgehen könnte – Tourette eignet sich mit seinen slapstickartigen Ausbrüchen wunderbar zur diskriminierenden Darstellung von "Behinderten" – funktioniert in diesem Film wunderbar. Denn Regie und Drehbuch gehen mit ihren Figuren sehr respektvoll um. Vincent, Marie und Alexander sind allesamt Sympathieträger, obwohl man jeden einzelnen von ihnen in Wirklichkeit vielleicht nur schwer ertragen würde. Vincent, der sich in Marie verliebt hat, wird geplagt von einem "Clown, der in seinem Gehirn sitzt und zwischen seine Synapsen kackt". Gegen seine Krämpfe, Zuckungen und das ständige Ausstoßen von Schimpfwörtern, die so genannte Koprolalie, kann er sich nicht wehren. Marie weigert sich während der tagelangen Fahrt durch die italienischen Alpen, auch nur eine Gurkenscheibe zu essen. Alexander kämpft mit jedem Krümel und bringt die anderen mit dem ständigen Einsatz von unzähligen Sprays zur Verzweiflung. Besonders Johannes Allmayer überzeugt: Sein Alexander ist ein in sich selbst gefangener, verklemmter Spießer und zugleich ein liebeshungriger und liebenswerter Mensch. Eine der schönsten Szenen des Films zeigt ihn als Dirigenten eines Sonnenuntergangs – großartig!

Während die drei ihrem Ziel immer näher kommen und sich auch von Vincents gesperrter Kontokarte nicht aufhalten lassen, folgen ihnen Vincents Vater und Frau Dr. Rose. Den anfangs extrem unsympathischen Vater interessiert vor allem die Standpauke, die er seinem missratenen Sohn halten will – der versaut ihm gerade den Wahlkampf -, die Therapeutin dagegen fürchtet um die Gesundheit ihrer Patientin Marie, die sie eigentlich schon zur Zwangsernährung einweisen wollte. Wie die drei Heimbewohner sind auch Dr. Rose und Vincents Vater in ihren eigenen Vorstellungen gefangen, in einer Idee von der eigenen Persönlichkeit, von der sie sich nun lösen müssen.

Dass Vincents Vater keine Spur von Verständnis für seinen Sohn aufbringen will, nimmt Frau Rose genauso gegen ihn ein wie die Tatsache, dass er ständig telefoniert und am Wohlergehen der Patienten nicht interessiert ist. Dass der Politiker seine Arroganz gegenüber "den einfachen Menschen aus dem Volk" auch an italienischen Verkehrspolizisten auslebt, bringt die beiden schließlich ins Gefängnis. Gelungen an diesem Teil der Handlung wie im gesamten Film ist der beständige Wechsel zwischen komischen und ernsten Szenen. "Mein Ziel war immer, auf Messers Schneide zu bleiben, also einen Ton zwischen Poesie und böser Realität, und zwischen fiesem, derbem Humor aber dann auch wieder eine Zartheit zu finden", erläutert Drehbuchautor und Hauptdarsteller Fitz.

Während Vater und Therapeutin noch darum kämpfen, die Jagd wieder aufnehmen zu können, haben die drei Gesuchten mit ganz anderen Problemen zu kämpfen, die nichts mit ihrer speziellen Situation zu tun haben. Zwischen Vincent und Marie beginnt eine Liebesgeschichte, die in ihrer Zartheit und Vorsicht rührt, die aber auch dazu führt, dass Alexander sich ausgeschlossen fühlt. Eine ganz normale Eifersuchtsgeschichte? Nicht unbedingt, denn die drei Egozentriker entwickeln ein neues Verantwortungsgefühl füreinander, das jeden einzelnen von ihnen immer sympathischer werden lässt.

Vincent, der sich bisher nur als ausgegrenzten Einzelgänger kannte und völlig auf seine Mutter fixiert war, erlebt zum ersten Mal, dass man sein Leben auch selbstbestimmt gestalten kann. Zwischen ihm und dem eigentlich so anstrengenden Alexander entsteht eine eigentümliche Freundschaft. Ihr Glück und zugleich ihre Unsicherheit spielen die Darsteller sehr anrührend.

Als sie beiden Gruppen schließlich aufeinander treffen, kommt es noch lange nicht zum großen Showdown, denn die Flüchtenden wissen sich zu helfen und fahren mit der Luxuskarosse des Vaters weiter – was vor allem Alexanders Herz höher schlagen lässt.

Am Ende der Reise hat sich für alle Beteiligten etwas Entscheidendes geändert. "Mir ging es noch nie so gut", kann Alexander seiner Therapeutin mitteilen. Zwischen Vincent und seinem Vater kommt es zum ersten Mal zu einem Gespräch, das Anzeichen von Verständnis hat. Für Vincent bedeutet das Treffen mit Alexander und Marie viel mehr als zwei neue Freundschaften: Er hat die Erkenntnis gewonnen, dass man zunächst sich selbst akzeptieren muss, bevor das Leben weitergehen kann. Und dass man niemanden heilen kann – außer sich selbst. Damit umgeht der Film auch die gefährliche Klippe des besänftigenden Happy Ends. Nichts ist gut, und doch ist alles besser als noch vor wenigen Tagen. Die Reise geht für Vincent und seine Freunde jetzt erst los.

Regisseur Ralf Huettner ist an humorvolle Projekte gewöhnt: Bekannt wurde er mit Helge Schneiders Texas – Doc Snyder hält die Welt in Atem. Anders als bei Texas steht allerdings in Vincent will Meer die einfühlsame Porträtierung seiner Figuren im Mittelpunkt. Vielleicht deshalb beschränkt der Film sich durchgehend auf nur fünf Protagonisten. Die Intensität, mit der die Darsteller ihre Rollen ausfüllen, stellt viele größere Ensembles in den Schatten.

Die Schwierigkeit bestand für Huettner darin, dass "man die Krankheit ernst nimmt, aber trotzdem die Komödie nicht vergisst: Dass man mit so schwierigen Figuren auch leicht umgehen kann." Das ist ihm – auch dank der wunderbaren Schauspieler - gelungen.

(Claire Horst)

Daten & Fakten

Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2010
Länge: 95 (Min.)
Verleih: Constantin Film Verleih
Kinostart: 22.04.2010

Cast & Crew

Regie: Ralf Huettner
Drehbuch: Florian David Fitz
Kamera: Andreas Berger
Schnitt: Kai Schröter
Musik: Stevie B-Zet, Ralf Hildenbeutel
Hauptdarsteller: Heino Ferch, Karoline Herfurth, Johannes Allmayer, Florian David Fitz, Katharina Müller-Elmau

MEINUNGEN

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Bisherige Meinungen

(Anzeige: 5 von insgesamt 18)
Von: Marcus am: 23.10.10
An Kim: Wer Magersucht hat, ist nicht stark und selbständig, sondern immer fremdbestimmt durch seine Suchtkrankheit. Da bist du auf den Schein hereingefallen, auf die Show von Marie. Sie wurde immer schwächer, weil sie nichts aß. Das liegt in der Natur der Dinge. Und Bergwandern macht die Situation nicht besser. Da sieht man im Film auch wie sie lustlos hinterherschlurft. Ein Männerende ? Sorry, aber jeder Mann hätte sich gewünscht, dass Vincent und Marie es zusammen schaffen. Wer will denn schon mit dem Buchhalter losziehen, statt mit Braut ? Vincent lässt sie am Ende allein, weil er ihr nicht helfen kann. Das ist ein Eingeständnis seiner eigenen Schwäche – und für jemanden der verliebt ist sicher noch viel schwerer. Sie ist unselbständig, weil sie angebunden ist. Und trotzdem will sie ihn noch überreden, mit ihr zu flüchten. Sie kann ihre eigene Situation einfach nicht erkennen, bzw. die Konsequenz, der Tod ist ihr egal. Aber auch so ist immer noch eine spannende Figur, denn wer sagt denn, wie sie in Zukunft handelt ? Sie hat alle Möglichkeiten. Und der Hauptdarsteller/Drehbuchautor nimmt diese Krankheit, anders als du, ernst. Vincent hat seine Krankheit nicht besiegt, er hat sie akzeptiert, weil sie auch gar nicht heilbar ist. Wenn er sie gerettet hätte würdest wohl auch sagen – “typisches Männerende. Kerl rettet armes Frauchen”. Überhaupt ist es absurd, den Film unter einer Männer-gegen-Frauen-Brille zu betrachten.
Von: Kim am: 07.09.10
Ein schöner Film, auf jeden Fall. Desto enttäuschender ist der traurige Wandel der spannenden Figur von Marie. Eine, trotz ihrer Magersucht, kräftige und selbständige Frau, die sich um sich und ihre beiden Freunde sorgt und kümmert. Doch anstatt dieser Frauenfigur eine Zukunft zu geben, verliert sie ihre Antriebskraft immer mehr und fleht am Schluss erbarmungswürdig, und fast abstoßend, um Hilfe. Doch der Mann weiß was ihr gut tut und lässt sie allein - oder sollte man sagen, im Stich. Ein typisches Männerende folgt: die beiden Herren gehen selbstbewußt mit ihrer Krankheit um und schreiten "frei in den Sonnenuntergang". Die Frau siecht im Krankenhaus, unselbständig geworden und nur noch Krankheit, vor sich hin. Was das helfen soll, was auf dem Zettel steht, bleibt uns verschlossen. Dieses unwürdige Ende kann ich mir nur dadurch erklären, dass der Hauptdarsteller das Drehbuch geschrieben hat. Schade um die netten Ansätze.
Von: Kim am: 07.09.10
Ein schöner Film, auf jeden Fall. Desto enttäuschender ist der traurige Wandel der spannenden Figur von Marie. Eine, trotz ihrer Magersucht, kräftige und selbständige Frau, die sich um sich und ihre beiden Freunde sorgt und kümmert. Doch anstatt dieser Frauenfigur eine Zukunft zu geben, verliert sie ihre Antriebskraft immer mehr und fleht am Schluss erbarmungswürdig, und fast abstossend, um Hilfe. Doch der Mann weiß was ihr gut tut und lässt sie allein - oder sollte man sagen: im Stich. Ein typisches Männerende folgt: die beiden Herren gehen Selbstbewußt mit ihrer Krankheit um und schreiten "frei in den Sonnenuntergang". Die Frau siecht im Krankenhaus, unselbständig geworden und nur noch Krankheit, vor sich hin. Was das helfen soll, was auf dem Zettel steht, bleibt uns verschlossen. Dieses unwürdige Ende kann ich mir nur dadurch erklären, dass der Hauptdarsteller das Drehbuch geschrieben hat. Schade um die netten Ansätze.
Von: kinogänger am: 05.09.10
Ein wunderbarer Film, der einerseits aufzeigt, dass psychisch kranke Menschen, außer ihrer Krankheit ganz normale Fähigkeiten haben und nicht per se einfach nur verrückt sind, sich der Auswirkung ihrer Krankheit selbst bewusst sind und psysisch krank so mannigfaltig ist wie köroerlich. Eben ganz normal, dass man auch Tourette-Syndrom, Bullimie oder eine Zwangsstörung haben kann ohne gleich jeglichen Anspruch auf "Normalheit" zu verlieren und vor allem darüber reden kann, als hätte man ein anderes Leiden. Die Handlung ist dabei eigentlich zweitrangig. Der Film ist sehr gut besetzt. Außerdem ein kleiner Nebeneffekt, dass man sehr viel schöne Landschaft sieht. Wer den Film nicht gesehen hat, hat etwas verpasst.
Von: Pongaudet am: 18.07.10
Das gute am Film ist, dass gezeigt wird, dass auch Psychischkranke ein Recht auf eigenständige Persönlichkeit und freie Willensentscheidung haben. Die Handlung war meist mehr als vorhersehbar. Einige Gags waren gut, auch wenn das Kinopublikum oft an falschen Stellen gelacht hat, weil viele zu denken scheinen, psychische Erkrankungen wäre an sich schon lustig. Teilweise fehlte die logische Handlung. Zum Beispiel: Warum brauchte die Psychologin zum Schluss "ihren Kranken" nicht mehr zurück bringen? Nur weil sie und der Vater vom Kranken geläutert waren?

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