Up in the Air

Kinostart: 04.02.2010
FSK: o.Al.
Leserbewertung:
Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen Filmwecker stellen In Kinoprogramm finden

Der Vielflieger ohne festen Wohnsitz

Für Ryan Bingham (George Clooney) ist das Reisen keine Last, sondern eine Lust. Der passionierte berufliche Vielflieger, der im Dienste seiner Firma an 322 Tagen im Jahr unterwegs ist, um quer durchs Land der unbegrenzten Möglichkeiten Mitarbeiter von Firmen "freizusetzen", hat das Unterwegssein im Laufe seiner Karriere zu einer Kunstform entwickelt, die bereits in den ersten Szenen mehr einem Ballett als einer ganz normalen Dienstreise gleicht. Virtuos und mit genauestens abgezirkelten Bewegungen bewegt sich der smarte Consultant über die endlosen Gänge und diversen Sicherheitschecks der gesichts- und namenlosen Flughäfen. Wie sich später herausstellt, weiß er genau, in welche Schlangen er sich einreihen muss ("niemals hinter Rentern, die haben mehr Metall am Leib, als sie es ahnen"), um möglichst problemlos und zeitsparend seinen Flug zu erreichen, er kennt sich bestens aus mit den unterschiedlichen Konditionen verschiedener Mietwagenanbieter und Hotelketten. Zudem ist er mit Plastikkarten für nahezu jeden Lebenszweck ausgerüstet und hat eigentlich nur ein Ziel vor Augen: Er will als siebter Passagier jemals die magische Schallmauer von 10 Mio. Flugmeilen bei seiner Fluglinie American Airlines durchbrechen und damit in den Genuss einer höchst exklusiven Kundenkarte gelangen.

Nebenbei hat Ryan aus seinen Erfahrungen eine zynische Philosophie gestrickt, die er als geschickter Verkäufer in gut bezahlten Seminaren unter das fahrende Business-Volk bringt: Anhand eines imaginären Rucksacks demonstriert er die Nutzlosigkeit von Besitztümern und emotionalen Bindungen, die allesamt nur hinderlich sind für die grenzenlose Flexibilität und Mobilität des modernen Berufslebens. Wahrlich – Ryan hat es sich gut eingerichtet in seinem Leben. Wobei die auf maximale Nützlichkeit ausgerichteten Philosophie bei Lichte betrachtet vor allem dazu dient, das miese Geschäft mit den Entlassungen von Hunderten, ja Tausenden Menschen einigermaßen erträglich zu gestalten.

Doch dann macht ihm ausgerechnet eine junge und mindestens ebenso karrierebewusste Neueinsteigerin in seiner Firma das Leben schwer: Natalie Keener (Anna Kendrick) will das Freistellungs-Business mittels Videokonferenzen revolutionieren und damit die Vielfliegerei und die damit verbundenen Kosten auf ein Minimum reduzieren – Ryan droht der Innendienst. Angesichts dieser wenig schmeichelhaften Aussichten entdeckt ausgerechnet er plötzlich die Würde und Bürde seiner diffizilen und delikaten Branche und versucht die Konkurrentin auf einer gemeinsamen Tour von den Vorzügen des persönlichen Freistellungsgesprächs zu überzeugen. Im Verlauf der Reise muss er feststellen, dass die junge Frau viel sensibler ist, als ihr ehrgeiziges Auftreten dies vermuten ließ. Und schließlich begegnet er auf einer seiner Touren der attraktiven Alex (Vera Farmiga), mit der Ryan eine Affäre nach Terminplan beginnt, die sich schrittweise in etwas Ernsthaftes verwandelt – es droht eine emotionale Bruchlandung. Denn ganz offensichtlich hat auch der knallharte Consultant emotionale Bedürfnisse, die er nicht länger hinter dem mühsam errichteten Konstrukt seiner coolen Lebenseinstellung verbergen und begraben kann.

So sehr Jason Reitmans grandios geschriebene und inszenierte tiefsinnige und reichlich hinterlistige Tragikomödie an manchen Stellen auch an Fruttero & Luccentinis grandiosen Roman Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz und dann wieder an Filme wie Die Reisen des Mr. Leary mit William Hurt in der Hauptrolle erinnert – mit seiner Mischung aus fein dosierter Gesellschaftskritik, treffender Gegenwartsbeschreibung der allzu realen wirtschaftlichen Krise und subtilem Humor ist dem Regisseur nach Filmen wie Thank You for Smoking und Juno endgültig der große Wurf gelungen. Geschickt verknüpft der Film verschiedene Ebenen miteinander; er funktioniert sowohl als Liebesgeschichte wie auch als treffsichere Parodie auf das moderne Business-Leben, ist dabei stets leicht und elegant und bietet dennoch genügend Anknüpfungspunkte, um einerseits prächtig zu amüsieren und andererseits angerührt zu werden von einer Geschichte, die vieles über unser modernes und gehetztes, allzu effizientes Leben verrät.

So leichtfüßig die Geschichte auch daherkommen mag: Jason Reitman hat eine ganze Menge von kleinen Boshaftigkeiten in den Fluss der Erzählung eingebaut, die die Story um den Vielflieger ohne festen Wohnsitz auf hinterlistige Weise erden und auf entlarvende Weise mit der Realität der krisengeschüttelten Amerika unsere Tage koppeln: Das beginnt bereits in der beeindruckenden Titelsequenz, die von der Folk-Hymne "This Land Is Your Land" von Woody Guthrie untermalt wird, zieht sich durch die Entlassungsgespräche, für die Reitman Menschen castete, die tatsächlich im Rahmen der Wirtschaftskrise entlassen worden waren, bis hin zum Abspann, in der abermals ein Song für die harsche Kontrastierung von Ryans Scheinwelt und der bedrückenden Realität in Krisenzeiten sorgt.

Am Ende wird Ryan zwar sein unstetes Wanderleben wieder aufnehmen können. Doch der Unterschied zum Anfang ist, dass er nun darum weiß, wie armselig, bindungsunfähig und zynisch sein Leben doch ist. Mit diesem Wissen als Gepäck in dem imaginären Rucksack erneut auf Reisen zu gehen – das ist wahrlich kein Vergnügen, sondern kommt schon beinahe einem Fluch und einer Verbannung gleich, die jener des Sisyphos in Nichts nachsteht.

Würde Frank Capra heutzutage Filme drehen – sie würden wohl so ähnlich aussehen wie Up in the Air. Ein größeres Kompliment kann man eigentlich einem ebenso humorvollen wie ernsten und anspruchsvollen Film wie diesem kaum machen.

(Joachim Kurz)

DATEN & FAKTEN

ÜBERBLICK

Titel: Up in the Air
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2009
Länge: 108 (Min.)
Verleih: Paramount Pictures Germany

VERÖFFENTLICHUNGEN

Kinostart: 04.02.2010

Trailer

Fotogalerie

 (14 Bilder)

FILMBEWERTUNG

Klicken Sie auf einen Stern, um Ihre Bewertung abzugeben.

MEINUNGEN
Ihre Meinung zu diesem Film (Felder mit * müssen ausgefüllt sein)
Anfang     <     1     2     >     Ende
Bisherige Kommentare (Anzeige: 5 von insgesamt 6)
Von: Arale am: 04.03.10
Wunderbar, unbedingt ansehen. Auch ich habe gelacht, geweint, mich total rein begeben in diese Geschichte und war dananch sehr bewegt und berührt. Das passiert mir nicht so häufig. Sechs Sterne.
Von: Kokus am: 16.02.10
Absolut sechs Sterne wert. Tiefgang und Stille, Präzision und Anrührung. Tolles Kino.
Von: Andreas Wagner am: 12.02.10
Ein sehr bewegender, nachdenklich machender Film mit Tiefgang. Unbedingt empfehlenswert.
Von: Drachenfrau am: 12.02.10
George Clooney ist sehr überzeugend! Was mir sehr gut gefällt ist, daß die meisten Rollen in dem Film nicht mit bekannten und ständig zu sehenden Gesichtern besetzt sind! Überaus gelungen! Die Story ist durchaus ungewöhnlich und nicht vorhersehbar.
Von: Tanja Hammerl am: 08.02.10
Juno hatte mir schon sehr gut gefallen, aber Up in the Air empfinde ich auch noch einmal als Weiterentwicklung. Wirklich ein toller Film. Schöne Kritik Herr Kurz
Anfang     <     1     2     >     Ende
   
KINOSTARTS
17.05 Frankfurt Coincidences Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Enkelejd Lluca
17.05 Die Farbe des Ozeans Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Maggie Peren
17.05 Die Kunst zu lieben Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Emmanuel Mouret
17.05 Der Diktator Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Larry Charles
17.05 Lachsfischen im Jemen Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Lasse Hallström
17.05 The Substance - Albert Hofmann´s LSD Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Martin Witz
CANNES 2012
21.05.12 Ihr werdet euch noch wundern
21.05.12 Like Someone in Love
21.05.12 In Another Country
21.05.12 Antiviral
20.05.12 Beasts of the Southern Wild
ARTHOUSE TOP 10
Quelle: AG Kino
1. Ausgerechnet Sibirien Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 2
2. Und wenn wir alle zusammenziehen? Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 7
3. Best Exotic Marigold Hotel Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 10
4. Ziemlich beste Freunde Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 20
5. Barbara Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 11
6. My Week with Marilyn Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 5
7. Superclassico... Meine Frau will heiraten! Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 3
8. Tomboy Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 3
9. Die Königin und der Leibarzt Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 5
10. Medianeras Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 3
Lesercharts TOP 5
1. Frankfurt Coincidences Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Enkelejd Lluca
2. Hanni und Nanni 2 Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Julia von Heinz
3. Marley Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Kevin MacDonald
4. Die Tribute von Panem - The Hunger Games Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Gary Ross
5. Das Haus der Krokodile Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Cyrill Boss, Philipp Stennert
PARTNER