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The Crazies - Fürchte deinen Nächsten

Meinungen
2

57 Bewertungen

Originaltitel: The Crazies
Kinostart: 27.05.2010
FSK: 18
Genre: Horror
Tags: Remake, Virus, Kleinstadt, Wahnsinn

Der fließende Übergang in den Wahnsinn

Es ist, das darf der Kritiker mit großer Freude sagen, eine echte Erleichterung, als Protagonisten eines Horrorfilms einmal eine Figur zu sehen, dessen Schlussfolgerungen über die Ereignisse und ihre Ursachen nicht hinter jene zurückfallen, die auch einem durchschnittlichen Fan des Genres einfallen würden. Natürlich wird das in The Crazies - Fürchte deinen Nächsten dadurch erleichtert, dass Sheriff David Dutton (Timothy Olyphant) es nicht mit übernatürlichen Phänomenen zu tun bekommt; vielleicht wollten die Filmemacher auch nur die unvermeidlichsten Fragen aus dem Weg haben, um sich dem eigentlichen Geschehen widmen zu können.

All das wird also in der ersten halben Stunde schon ausgebreitet: Die Einwohner von Ogden Marsh, David Duttons Stadt, einem kleinen Flecken im Mittleren Westen der USA, werden unfreiwillig zu Testobjekten, nachdem in den Sümpfen um den Ort herum ein Flugzeug abgestürzt ist, dessen Ladung offenbar biologische Kampfmittel enthielt. David findet das Flugzeug, nachdem Wilderer den Leichnam des Piloten gefunden hatten; aber da sind einige Menschen in der Stadt schon seltsam geworden, haben ohne jede emotionale Regung ihre Familien ermordet und danach nur gelacht.

Und kaum ist das Flugzeug gefunden, wechselt schlagartig die Szenerie: Die Kamera zoomt von der Erde weg auf die Perspektive eines Satelliten, am Rande des Bildes tauchen die Worte "Initiate containment protocol" auf. Damit ist klar: sein eigenes Schicksal ist David schon entrissen, ab hier übernehmen Militär und Menschen in Sicherheitsanzügen die Kontrolle.

Story und Kamera von The Crazies bleiben aber dicht bei David, seiner schwangeren Frau Judy (Radha Mitchell) und einer Handvoll weiterer Figuren. Das unterscheidet Breck Eisners Remake von George A. Romeros Original aus dem Jahr 1973, welches im Grunde die gleiche Geschichte erzählt, jedoch zu einer zuweilen fahrig wirkende Montage gerät. Denn anscheinend konnte oder wollte Romero sich nie so recht entscheiden, ob er sich mehr für die Aktionen der Soldaten, den Widerstand der internierten Bevölkerung oder für die Versuche seiner kleinen Gruppe von Überlebenden, dem allem zu entfliehen, interessiert.

Das Remake-Drehbuch von Scott Kosar und Ray Wright kennt solche Konzentrationsprobleme nicht, kann aber natürlich auch darauf vertrauen, dass das Publikum aus der mittlerweile langen Geschichte der Virenfilme von Outbreak bis 28 Weeks Later hinreichende Vorstellungen davon mitbringt, wie wenig Hoffnungen sich die infizierten Menschen auf echte Hilfe von staatlicher Seite machen sollten.

David und seine Begleiter bekommen die Staatsgewalten immer dann zu sehen, wenn sie kurz durch deren Maschinerie von Diagnose, Segregation, Behandlung durchgeschleust werden; aus ihrer Perspektive sehen diese Handlungen disparat und mindestens rätselhaft, wenn nicht gar gefährlich aus. The Crazies nimmt so gegenüber dem Geschehen fast durchgängig eine Perspektive "von unten" ein, die Perspektive der Behandelten und Herumgeschobenen, ähnlich wie das zum Beispiel, allerdings in größerer formaler Konsequenz, Cloverfield für das Monsterkino versucht hat.

Das ist nicht gleichgültig, weil es zur dichten Atmosphäre von Bedrohung beiträgt, die Eisner aufbaut. Das "containment", die Eindämmung der Infektion heißt für die Menschen natürlich, dass sie eingeschlossen sind – und damit sind die Soldaten, die sie an der Flucht hindern sollen, so bedrohlich wie die infizierten „Crazies“, die Wahnsinnigen.

Romeros Film brachte den Wahnsinn relativ plump mit Kriegserfahrungen, vor allem mit Vietnam, in Verbindung. Eisner bringt noch stärker zum Vorschein, was darunter eigentlich brodelt: der fließende Übergang zwischen unseren alltäglichen Aggressionen und dem mörderischen Wahnsinn des Virus’. Wer gesund und wer krank ist, lässt sich weder durch den Augenschein noch im normalen Gespräch sofort erkennen. Die Virenopfer fallen keiner blinden "Wut" anheim wie in 28 Days Later, sie morden manchmal planvoll, oft fast bedächtig.

Es ist dieser unmerkliche Übergang, das Hineingleiten ins Morden, das The Crazies so interessant macht; wenn sich die Figuren nicht nur ihres Gegenüber, sondern auch ihrer eigenen Handlungen nicht mehr sicher sind, wird der Schrecken damit nur umso größer. Dabei erfindet der Film sein Thema beileibe nicht neu; er ist im konventionellen Sinne zwar stellenweise brutal und erschreckend, seine eigentliche Qualität ist aber die unmerklich erzeugte Stimmung von Bedrohung und Hoffnungslosigkeit.

Die Landschaft spiegelt dabei die Einsamkeit der Menschen ebenso wie ihr Ausgeliefertsein, dem Virus wie dem Militär: Außer dem Sumpf gibt es um Ogden Marsh herum vor allem platte, weite Felder, die keinen Schutz und keine Deckung bieten. Einsam stehen da einzelne Figuren in der Leere herum; es scheint zwar keine Grenzen zu geben, das ist ja ein zutiefst amerikanischer Mythos, aber es gibt ihn natürlich auch für den Wahnsinn nicht.

So weit und blau wie der Himmel in einer der ersten Szenen erscheint, wird er nicht wiederkommen. Stattdessen sind die Bilder auf den Boden, die Häuser, die Menschen gerichtet. Einmal steht David, da hat er gerade begriffen, was vor sich geht, allein auf der sonst menschenleeren Hauptstraße von Ogden Marsh. Die gruselige, wunderschöne Lynn Lowry, der Romero in seiner Version von The Crazies schon eine großartig zwiespältige Rolle gab (mit Shivers hat David Cronenberg ihr ein kleines Denkmal gesetzt), fährt leise singend auf einem Fahrrad an ihm vorbei. Es ist trotz all der Bluttaten vorher und nachher der beklemmendste, unheimlichste Moment des Films, dieser Gruß aus der Vergangenheit.

(Rochus Wolff)

Daten & Fakten

Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2010
Länge: 97 (Min.)
Verleih: Kinowelt Filmverleih
Kinostart: 27.05.2010

Cast & Crew

Regie: Breck Eisner
Drehbuch: George A. Romero, Ray Wright, Scott Kosar
Kamera: Maxime Alexandre
Schnitt: Billy Fox
Hauptdarsteller: Radha Mitchell, Joe Anderson, Timothy Olyphant, Danielle Panabaker, Preston Bailey

MEINUNGEN

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Bisherige Meinungen

(Anzeige: 2 von insgesamt 2)
Von: Jochen A. am: 16.12.10
Schöne Kritik, sehr gut getroffen! :-)
Von: Holger am: 21.06.10
Geht voll ab,Schockt total.

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