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Schotter wie Heu - TV-Tipp der Woche

Meinungen
2

5 Sterne aus 21 Bewertungen

Kinostart: 01.01.2005

Sonntag, 13. 2. 2005, 3sat, 21:15

Im kleinen Ort Gammelsfeld mitten im Hohelohischen am nordöstlichen Zipfel Baden-Württembergs gibt es eine Kirche, einen EDEKA-Laden, eine Dorfkneipe, eine freiwillige Feuerwehr, zwei Fußballfelder, ein Schotterwerk - und eine berühmte Bank. Denn die Raiffeisenbank Gammelsfeld ist die letzte ihrer Art in Deutschland, die ohne Computer betrieben wird. Wenn das Zahlenwerk zu kompliziert wird, greift der Bankdirektor Fritz Vogt - Sekretärin, Buchhalter, Kassierer, Landwirt und der wichtigste Mann im Dorf in Personalunion – zur Thales-Rechenmaschine aus dem Jahr 1938. Womit sich das Thema Computer für den Bankdirektor dann auch erledigt hat. Seit 1967 leitet der Nebenerwerbslandwirt die Raiffeisenbank, wenn das Wetter schön ist, bleibt die Bank geschlossen, denn dann muss die Heuernte eingebracht werden.

Ein Wunder, dass es eine solche Bank in wirtschaftlich schlechten Zeiten wie diesen überhaupt noch gibt, denn die Bank in Gammelsfeld müsste eigentlich ein gefundenes Fressen für die allgegenwärtigen McKinseys dieser Republik sein, das erste Opfer auf dem Altar der Effizienz. Doch umso erstaunlicher, dass ausgerechnet in Gammelsfeld die Wirtschaftswelt noch in Ordnung zu sein scheint, denn die Bank erzielt außerordentlich hohe Gewinne und gibt diese in Form von hohen Spar- und niedrigen Kreditzinsen an ihre Kunden weiter: 3,5 Prozent für das Sparguthaben und 4,5 Prozent für einen Kredit sind in Deutschland einmalig. Ist hier vielleicht im Hohenlohischen die Welt noch in Ordnung? Herr Ackermann, übernehmen Sie!

Wer sich nun allerdings auf den Weg nach Gammelsfeld machen will, um dort sein Geld anzulegen, wird wenig Erfolg haben. Denn gemäß den Prinzipien von Friedrich Wilhelm Raiffeisen erhält nur der Kunde ein Darlehen, der sich auch mit Anteilen an der Bank beteiligt – ein Geldinstitut als Solidargemeinschaft. Doch die Kleinstbank war niemals unumstritten, eine Änderung der Gesetzeslage Mitte der Achtziger machte eine Schließung scheinbar unausweichlich. Doch Fritz Vogt und das gesamte Dorf wehrten sich erfolgreich. Noch kann sich die Bank halten.

Voller Sympathie und Begeisterung für den ungewöhnlichen Bankdirektor und seine hehren, in Deutschland aus der Mode gekommenen Ideale haben die beiden Absolventinnen der Filmakademie Ludwigsburg Sigrun Köhler und Wiltrud Baier mit Schotter wie Heu einen Heimatfilm der besonderen Art auf die Leinwand gezaubert, der genauso liebenswert altmodisch ist wie Fritz Vogt und die Bank in Gammelsfeld. Dabei zeigen sie sehr wohl auch die Enge des Dorfs und die Tristesse des Lebens auf dem Land, und irgendwie ist man froh, dort nicht leben zu müssen. Doch dass es ein solches Dorf und eine solche Bank überhaupt noch gibt, das hat unzweifelhaft etwas sehr Beruhigendes an sich.

Daten & Fakten

Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2002
Länge: 98 (Min.)
Kinostart: 01.01.2005

Cast & Crew

Regie: Wiltrud Baier, Sigrun Köhler

MEINUNGEN

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Bisherige Meinungen

(Anzeige: 2 von insgesamt 2)
Von: Joachim Rose am: 21.11.07
Sehr beachtenswert, denn hier hat Geld noch die Bedeutung, welche ihm mit seinem Schaffen zusteht, dem Dienen als Tauschmittel zwischen Menschen für alles, was Leben ausmachen kann. Leider wird solches Wissen nicht in die Menschenbildung integriert und so kann es zu vielen unerwünschten Nebeneffekten der Geldnutzung kommen, wie wir es heute erleben. Im schlimmsten Fall kommt es zur Geldvermehrung aus Geld und dem damit eingeleiteten Tod des angewandten Geldsystems.
Von: Ralf Pilz am: 13.02.05
Erfrischend, das sei all diesen "Ackermännern" mit ihrem sinnlosen, globalen, Geld + Resourcenvernichtungswahn ins Stammbuch geschrieben : es geht auch ehrlich und gediegen, ohne übertriebenen Technikwahn + Glauben. Ralf Pilz

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