Fake for real – Über die private und politische Praxis des So-tun-als-ob

Kinostart: 06.10.2005
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Die Subversion des Falschen

Nun liegt also wieder ein langer, zermürbender Wahlkampf hinter uns, in dem alle Seiten nicht müde wurden, für sich die ausschließliche Wahrheit zu reklamieren und alle Gegner (und somit zukünftigen Koalitionspartner) der permanenten Lüge zu bezichtigen. Doch dem einigermaßen aufgeklärten Beobachter des politischen Kasperle-Theaters ist längst klar, dass es in der Politik und anderswo längst nicht mehr um Inhalte und Positionen geht, sondern um die möglichst massenkompatible (Re)Präsentation derselben, um die reine Simulation, die anscheinend immer mehr um sich greift. Im Film betrachtet man solche Inszenierungen und die ganze Aufregung darum eher amüsiert, gehört hier doch die Erzeugung eines möglichst schönen Scheins seit den Tagen der Erfindung des Mediums an zum täglichen Geschäft. Nun ist im Frankfurter Campus Verlag ein Buch namens Fake for real erschienen, dass die verschiedenen Strategien der Simulation und Fälschung gar zum kennzeichnenden Prinzip unserer Gegenwart erhebt und das einen genaueren Blick lohnt – und sei es nur deshalb um festzustellen, dass der Film manchmal dem wirklichen Leben um einige Schritte voraus ist.

Judith Mair, die das Buch gemeinsam mit Silke Becker geschrieben hat, weiß, wovon sie schreibt, immerhin ist sie eine selbst ernannte Expertin für Populärkultur und Imagestylistin, eine professionelle Fakerin also. In ihrem ersten Buch Schluss mit lustig! lieferte sie eine der ersten und schärfsten Abrechnungen mit der gigantischen Luftblase der New Economy und den Verwüstungen, die die Duzkultur der hippen Entrepreneure hinterlassen hatte. Nun hat sie einen neuen Trend ausgemacht, die – wie der Untertitel des Buches es nennt – „private und politische Taktik des So-tun-als-ob“, der kennzeichnend für die Generation der zwischen 1965 und 1975 Geborenen sein soll – die „Generation Fake“. Die Antwort allerdings auf die Frage, ob die beschriebenen Strategien nicht schon immer da waren und nur heute extrem offensichtlich geworden sind, fällt unter den Tisch, wie so manches andere auch.

Gespickt mit zahllosen Beispielen aus nahezu jedem gesellschaftlich relevanten Bereich und im lockeren zeitgeistigen Plauderton zeigen die Autorinnen, wie sehr die verschiedenartigen Manipulationen von Spin Doctors und Marketing-Strategen längst jede Anmutung von Authentizität unterlaufen und letztendlich auch obsolet gemacht haben. Und sie zeigen – ebenso ungerührt – die verschiedenen Protestformen, die bei der gebotenen Beiläufigkeit alsbald selbst nur als schmunzelnd hinzunehmende Erscheinungsformen einer aus der Bahn geratenen Welt zu rezipieren sind. Nicht, dass uns der Verlust jedes Gespürs für Wahrheiten irgendwie sonderlich tangieren müsste, machen wir das Beste draus.

Eines ist Fake for real mit Sicherheit nicht – langweilig. Selten war ein Buch über ein gesellschaftliches Thema so amüsant, geschmeidig und pointiert geschrieben wie dieser Parforceritt durch die Untiefen und Fallstricke des modernen Lebens. Statt dröger Empirie suchen (und finden) die beiden Autorinnen im Zweifelsfall eher den flotten Slogan als das fundierte Argument. Allerdings ist es auch dieser putzmuntere Plauderton, der dem interessierten Leser – mir ging es zumindest so – sauer aufstößt. Die zahlreichen Zitate bilden eine Art Poesiealbum der Popkultur, allesamt dazu geeignet, im abendlichen Small-Talk in Retro-Bars zu punkten. Und die gelegentlich eingestreuten Listen sind pure Pop-Literatur, die jedem hippen Zeitgeist-Magazin gut zu Gesicht stünden. Haltungen allerdings, die über das bloße Beschreiben und Konstatieren hinausgehen, oder Perspektiven sucht man vergebens hinter dem stromlinienförmigen Fluss der Worte. Vielleicht kommt es ja aber darauf, so eine der Aussagen des Buchs, auch gar nicht mehr an, Hauptsache die Verpackung stimmt. Und damit schließt sich der Bogen von dem beschriebenen Phänomen und der Art und Weise, das zu Beschreibende zu beschreiben. Ob das allerdings in dieser Form so beabsichtigt war, lässt sich abschließend nicht auflösen. Als locker-flockige Beschreibung eines gesellschaftlichen Phänomens tauglich, als fundierte Analyse eher mit Vorsicht zu genießen.

DATEN & FAKTEN

ÜBERBLICK

Titel: Fake for real – Über die private und politische Praxis des So-tun-als-ob
Erscheinungsort: Frankfurt, New York
Erscheinungsdatum: 2005
Seiten: 285
Verlag: Campus Verlag
ISBN: 3-593-37675-X

Cover

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