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Auge zu und durch

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Kinostart: 02.10.2006

Striptease-Charlie

Der Titel ist gut gewählt. Beim ersten Durchblättern und Betrachten der Fotos (die alle aus Privatbesitz stammen), fällt der Blick immer auf sein rechtes Auge, das bedeckt ist von einem schläfrig-schlaffen Lid. Ob als Baby, als Schüler oder in Verkleidung - Karl Dall zu erkennen ist ein Leichtes. Er selbst beantwortet die Frage nach seinem rechten Lid schon mal mit: "Das ist völlig normal, nur das linke hängt etwas höher."

Nie um eine witzige Antwort oder eine respektlose Bemerkung verlegen - so zeigt Karl Bernhard Dall sich auch in dieser Autobiografie, in der er außerdem erklärt, "ich hatte nie Hemmungen, mitzumachen." Und so reiht sich in Auge zu und durch eine Anekdote an die andere. Wir erleben ihn als Schüler und lesen von den Jugendstreichen des Knaben Karl, als Lokalreporter auf ostfriesischen Bullen- und Zuchtviehausstellungen, als gelernten Schriftsetzer, unfähigen Panzerschützen, als Kneipengänger und Langschläfer und als Familienvater. Er schreibt von seiner Zeit bei Insterburg & Co., beim Fernsehen (Dall-As) und beim Film. Wie er selbst einen Amateurfilm über Brinkum bei Bremen drehte und den Kurzfilm Statist in Berlin, der das Prädikat "Besonders wertvoll" erhielt. "Man kann es drehen und wenden, wie man will: Ich habe da etwas Künstlerisches gemacht", schreibt er da, "ganz gegen meinen Strich. Buch und Regie: Karl Dall. Statist in Berlin lief vor einem Uschi-Glas-liebt-Roy-Black-Film." Wie er seine Karriere als Filmschauspieler als Komparse bei Winnetou begann und sie als Hauptdarsteller fortsetzte, in Filmen wie Ulrich Schamonis Quartett im Bett und in Klamotten wie Sunshine-Reggae auf Ibiza und Das verrückte Strandhotel. "Eigentlich wird man am Erfolg seines letzten Films gemessen, in meinem Fall aber wundert man sich, dass ich so viele gedreht habe. Ich habe also zum Untergang des deutschen Films beigetragen. Das nehme ich auf meine Kappe."

Auge zu und durch ist eine gut lesbare und interessante Autobiografie mit viel Zeitkolorit und, nebenbei, Liebeserklärungen an Sylt und Kanada. Dall ist hier nicht auf Zoten aus und man erfährt, dass er manchmal eben doch Hemmungen hat, mitzumachen.

"Das Big Apple an der Bundesallee. (...) Jeden Mittwochabend fand eine Art Preistanzen statt, eine Runde nach der anderen. Morgens um zwei war ich der Beste von denen, die allein herumtanzten. Alle nannten mich hier Charlie. Ich gewann zehn Flaschen lauwarmen Sekt und hatte keine Ahnung, wie ich die nach Hause transportieren sollte. Einen Kühlschrank hatten wir auch nicht. Raimondo sagte, er würde sich freuen, wenn ich hier wieder auftauchte. Am nächsten Mittwoch war ich schon der King. 'Charlie ist wieder da.' Beim letzten Mal hatte ich mir in der Hitze des Gefechts den Pullover ausgezogen. Jetzt bat mich Raimondo, auch noch in Ekstase mein Hemd auszuziehen und damit herumzuwirbeln. Vielleicht auch die Hose, vielleicht so viel, dass ich am Ende nur noch in der Unterhose da stünde. Das habe ich gemacht. Wieder zehn Flaschen Sekt und auf Handschlag ein Versprechen, am kommenden Mittwoch erneut den ersten Platz zu belegen. An diesem dritten Mittwoch stand ein Schild im Fenster: 'Heute Abend wieder mit Striptease-Charlie!', und im Eingang lungerte auch schon ein Profi-Fotograf rum. Da wurde mir mulmig, und ich drehte um. Ich hatte Horror bei der Vorstellung, dass es heißen könnte: Im Big Apple tanzt ein Idiot für laumwarmen Sekt und zieht sich dafür aus."

(Stefan Otto)

Daten & Fakten

Titel: Auge zu und durch
Autor: Karl Dall
Erscheinungsort: Hamburg
Erscheinungsdatum: 2006
Seiten: 303
Verlag: Hoffmann und Campe
ISBN: 3-455-50000-5

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