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Beasts of the Southern Wild
Zwischen ganz viel aalglattem, sauberem Kino in Cannes tummelt sich hier und da auch gern etwas Schmutziges. So wie das kleine Biest Hushpuppy (Quvenzhané Wallis), ein Mädchen, das bei ihrem Vater (Dwight Henry) aufwächst und vor allem eins lernt: wild und unabhängig zu sein. Die beiden bewohnen eine Gemeinschaft an einem sumpfigen Flussarm irgendwo im Süden der USA zusammen mit anderen Aussteigern, Hippies oder wie auch immer man diese Menschen nennen mag, die sich nicht in die übliche Gesellschaft eingliedern wollen. "Bathtub" heißt ihr Ort, wahrscheinlich weil er schon halb überflutet ist und man gerade auf den großen Sturm wartet. Und der wird kommen, das weiß auch Hushpuppy und mit ihm kommt das Ende der Welt.

Benh Zeitlins erster Langfilm ist zwei Filme in einem. Einerseits ist er Erzählkino, das sich zwischen Fiktion und Dokumentation bewegt. Die Darsteller sind tatsächliche Bewohner des kleinen Bayous in Louisiana, sie spielen sich selbst in ihrer Umgebung voller Armut und Naturkatastrophen. Die Anleihen an die Hurricane Katrina Katastrophe sind unübersehbar. Der andere Film verzerrt das Dokudrama zu einer fantasmatischen Endzeitmythologie, einem wilden Mix aus Mad Max, Wo die wilden Kerle wohnen und einer guten Prise magischem Realismus á la Gabriel García Márquez.
Genau an diesem Punkt spalteten sich auch die Geister des Publikums, denn Beasts of the Southern Wild lässt keine Distanz zu. Die Geschichte treibt einen ins Geschehen, die Bilder sind geradezu hypnotisch, die Körper schwitzen und stinken, der Sumpfschlamm klebt an den Knöcheln, der Stimme Hushpuppys definiert die Welt und die ist eben subjektiv. Überhaupt trägt die Hauptdarstellerin das Werk auf ihren schmalen Schultern. Ein Blick, ein Schmollen - so ist das eben mit Kindern, besonders mit den süßen, ihre Welt ist ihnen die wichtigste und ihr Wille geschehe, zur Not auch mit Manipulation. Genau hier trennt sich Zeitlins Film vom Dokudrama und zwar so eindeutig und radikal, dass man akzeptieren muss, dass die Welt so ist, wie Hushpuppy sie sieht, sonst hat man keinen Spaß an diesem Film. Das sollte allerdings ein Leichtes sein, zu faszinierend ist die dystopisch-magische Kinderwelt. Dabei verhandelt das Mädchen mit geradezu philosophischer Einsicht (Terrence Malick lässt grüßen) die großen Fragen um Leben, Tod und den Platz des Menschen in der Natur.
Visuell sprüht der Film nur so von ausdrucksvollen Bildkompositionen, die mit einer 16mm Handkamera gedreht wurden und vor allem die satte und manchmal bedrohliche Natur ins rechte Licht rücken. So sensibel wie er sich seinen Protagonisten nähert, so passioniert lässt Zeitlin die sie umgebende Flora und Fauna in sein Werk einfließen. Die Plastizität und Lebendigkeit erinnert an den Urwald Apichatpong Weerasethakuls in Tropical Malady. Es gitscht und schmatzt, die Krabben und Fische - man kann sie fast riechen. Und der Mensch, das wird eindeutig klar, ist nicht der Herr über die Sache, sondern nur ein kleiner Teil. Oder um es mit Hushpuppys Worten zu sagen: "I see that I am a little piece of a big, big universe."
(Beatrice Behn)



