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12 18/02

The Flying Swords of Dragon Gate

Tsui Hark, der Pionier des Hong-Kong-Kinos der 1980er Jahre, ist einer jener Regisseure, dessen Werke man eigentlich nur auf Filmfestivals zu sehen bekommt. Aus Gründen, die sicherlich nur Verleiher kennen und nachvollziehen, kommen seine Filme so gut wie nie in unsere Kinos. Sein letzter grandioser Detective Dee erlebte immerhin noch eine DVD-Auswertung in Deutschland. Sein neuester Film The Flying Swords of Dragon Gate wird dieses Glück nicht haben. Denn ohne große Leinwand ist er nichts.

Es ist alles wie üblich in der Welt der chinesischen Aristokratie zur Zeit der Ming-Dynastie: überall Intrigen, Machtgelüste und Rachegedanken. In dieser Welt ist der Film angesiedelt. Der Plot konzentriert sich zunächst auf die mordenden Truppen einer durch den Adel installierten Geheimpolizei, die den Auftrag hat, Gesetzesbrecher sofort zu fassen und umzubringen. Es passiert aber noch viel mehr: Eine Truppe von Schatzjägern kommt zusammen, eine alte Liebe erblüht, ein böser Eunuch verfolgt einen aufrechten Freiheitskämpfer und eine schwangere Konkubine flüchtet aus dem Palast und bangt um ihre Sicherheit. Alle trachten einander nach dem Leben. Doch das alles ist nur ein rasant inszeniertes Täuschungsmanöver mit zum Teil haarsträubenden Plot-Twists, um das ganze Personal des Films zum legendären Dragon Inn zu bringen. Dort legt alle 60 Jahre ein gigantischer Sandsturm eine versunkene Stadt frei, die einen unermesslichen Schatz verborgen hält.

The Flying Swords of Dragon Gate ist das Remake von New Dragon Gate Inn (1982), der ebenfalls bereits ein Remake des Kung-Fu-Klassikers Dragon Gate Inn (1966) war. Es ist, wie von Tsui Hark nicht anders zu erwarten, ein solider und über alle Maßen unterhaltsamer Wuxia-Epos. Hark erfindet das Genre beileibe nicht neu. Und wenn es einen Kritikpunkt an diesem Film gibt, dann den, dass wir wissen, dass Hark auch ganz anders kann. Nämlich sowohl Bildkunst als auch Erzählkunst zusammenzubringen. Die platte und plumpe Figurenzeichnung hat nichts von jener Komplexität, die man in Detective Dee noch zu tiefst bewunderte. Aber egal. Darum geht es auch nicht. Psychologisieren und therapieren sollen andere. Tsui Hark macht Action, macht Kino. Konstruktion wäre in diesem Fall nur unnötiger Ballast. Es geht um Navigation, Zeit, Dynamisierung und Geschwindigkeit.

Es muss schnell gehen. Deshalb müssen Konfliktlinien sofort einleuchten: Verrat gegen Loyalität, Gier gegen Gerechtigkeit, Liebe gegen Hass. Und dann fliegen und klirren auch schon die Schwerter, rauschen die prächtigen Gewänder in die Höhe, rasseln Ketten, wirbelt der Sand durch die Luft und Blut tröpfelt in poetischen Spritzern durch den Raum, hinein in den Kinosaal. Denn Tsui Hark hat zum ersten Mal in 3D gedreht. Und der Mann, der in Texas Film studiert hat, beherrscht die neuen Möglichkeiten dieses Filmemachens hervorragend. Es gibt Szenen, die sich aufgrund ihrer Opulenz durch die 3D-Technik im Kopf des Betrachters festsetzen. Wenn zum Beispiel ein Vogelschwarm zu einem schwarzen, undurchdringlichen Teppich am Himmel mutiert, oder der gigantische Sandsturm die verlorene Stadt freilegt. Auch in den vielen Kampfszenen behält Hark den Überblick. Man muss nur genau hinsehen und man erkennt, wie er mit rein bildkompositorischen Mitteln Tempo macht. Montage und 3D-Technik ergeben hier immer wieder Momente größten Cineastenglücks.

Doch die wahre Kunst von Harks 3D-Inszenierung kann man in den ruhigen und stillen Momenten bewundern. Wenn Jet Li (der mal da ist und dann wieder verschwindet) seinen Feinden ins Gesicht blickt und für einen kurzen Augenblick die Schleifen in seinem Haar im Wind flattern - das ist ganz große Poesie. Anders als seine amerikanischen Kollegen Scorsese und Crowe hat Hark keine Ängste die 3D-Kamera auch mal ruhig zu halten und Close-Ups zu zeigen. The Flying Swords of Dragon Inn beschränkt sich damit nicht nur auf Bilder, die in den Zuschauerraum verlängert werden. Hark hat ein gutes Auge für die verschiedenen Bildebenen. Er experimentiert sogar mit verschiedenen Geschwindigkeiten und Handlungsverläufen in Vorder-, Mittel- und Hintergrund.

The Flying Swords of Dragon Gate ist Kino im besten Sinne. Reine Bewegung, reine Körperlichkeit. Alle Grenzen, die uns die Schwerkraft setzt, sind aus dieser Welt verbannt und wir heben ab in dieses Abenteuer. Worum geht es eigentlich nochmal? Wie gesagt: das ist egal. Nonsense. Wie Steven Soderbergh in Haywire eine schöne Frau schöne Männer ins Gesicht schlagen lässt, will Hark einfach nur Körper wie Gasteilchen durch die Leinwand jagen. Ein Spektakel erster Güte. Für solche cineastischen Glücksgefühle geht man ins Kino.

(Patrick Wellinski)