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12 17/02

Golden Slumbers

"Ich erinnere mich noch an die Schauspieler aus der Zeit", sagt der eine der beiden Kinoliebhaber, die sich in einem kleinen Café über alte Filme unterhalten. Vichara Dany, Cheah Yuthorn, Vann Vannak. Ihre Gesichter strahlen von den Sammlerpostern, Werbeausschnitten und Plakaten, die Davy Chous sehnsuchtsvolle Reminiszenz an das Goldene Zeitalter des kambodschanischen Kinos sanft zu geisterhaftem Leben erweckt. Geheimnisvolle Göttinnen, mutige Krieger, mystische Waffen, leidenschaftliche Liebe, dramatische Kämpfe, Schlangenmädchen, Krokodilmänner: ein cineastisches Zauberreich, das im Nacherzählen von Filmplots, Songaufnahmen und beredt beschriebener Prachtkulissen ein paar letzte Funken Magie versprüht.

Die Show ist aus, ein für allemal. Eine Wiederaufführung steht nicht auf dem Programm. Die Golden Slumbers der klassischen kambodschanischen Filme, an die sich die zwischen Traum- und Alptraum mäandernde Hommage im Gedächtnis der Landsleute des jungen Filmautors herantastet, befinden sich im Todesschlaf. Unter dem Terrorregime der Roten Khmer wurden die von 1960 bis 1975 prosperierende Kinobranche, die über 400 Filme hervorbrachte, in ihrer Blütezeit zertreten. Filme wurden als Zeichen westlicher Dekadenz vernichtet, Kinos als Symbole gesellschaftlichen Niedergangs während des Bürgerkrieges bombardiert. "Je näher die Kämpfe rückten, desto mehr brauchten es die Leute, unterhalten zu werden, um den Krieg zu vergessen", erinnert sich der ehemalige Produzent Ly Bun Yim.

Als die Obrigkeiten Kinos schließen wollte, verwies er auf dessen Bedeutung für die Menschen: Wenn sie vom Feind umstellt wären, würden sie dann ausgehen, singen, tanzen und Filme schauen? "Bis zuletzt haben wir Widerstand geleistet", berichtet er. Es war ein Aufbäumen von Kultur und Lebensfreude, die ihre Niederlage gegen Terror und Gewalt bereits vorauszuahnen schienen. Die Kinos blieben offen; aber der Feind stand wirklich vor der Tür des "Hemakcheat" und Dutzenden anderer Filmpaläste. Sie schienen inspiriert gewesen zu sein von den mythischen Palästen und Pagoden, welche zu den Lieblingsschauplätzen der Abenteuerklassiker gehörten. Ein vergoldeter Balkon, breite Sitzreihen und wild-bunte Poster auf gigantischen Reklametafeln waren einst dort, wo die Kamera heute alte Flaschen, Müll und schäbige Gemeinschaftsunterkünfte findet, deren Bewohner sich gemeinsam Unterhaltungssendungen angucken - im Fernsehen.

"Alles wurde niedergebrannt", erinnert sich einer der erfolgreichsten Produzenten und Regisseure der untergegangenen Ära, der nur unter Tränen von seinen zerstörten Filmen erzählen kann. Ein unergründlicher Schatz einer Filmkunst, die vor Prunk, Fantasie und Musik nur so überquoll, ist verwittert, verbrannt und verrottet in überfluteten Kellern. Vergessen ist er nicht.  Oft, scheint es, wollen die Protagonisten nicht sprechen über das, was fort ist. Die Wunde dort, wo die Visualisierung kambodschanischer Folklore und Vorstellungskraft stand, kann niemals heilen, weil sie nicht nur eine ideelle und kulturelle, sondern seelisch ist. Film bedeutet mehr als Zelluloid und bunte Bilder, er bedeutet Menschen.

Zu ihnen gehört Dy Saveth, die als eine der wenigen berühmten Darsteller die Morde des Regimes überlebte und sich für Chou an ihre Schauspieltage erinnert, oder der alternde Kinofan, der immer noch weiß, wie er einmal neben Dy saß. Das Leuchten und die Tränen in den Augen der Protagonisten werden zur intimen Leinwand, auf der man die Geister des verlorenen Kinos auferstehen zu sehen glaubt. Die brutale Systematik der Roten Khmer bei der fast gänzlichen Vernichtung einer Kunstform ist umso erschreckender durch die unterschwellige Verknüpfung des kulturellen Verlusts mit dem persönlichen. "Bei meiner Familie kann ich mich nicht an die Gesichter erinnern. Aber bei den Schauspielern", sagt einer der Cineasten, der die Namen der verfolgten und ermordeten Leinwandstars aufzählt.

„Es gibt noch andere großartige Szenen", sagt Bun Yim, als er den Anfang der sagenumwobenen Großproduktion The Seahorse". beschreibt. "Aber die erzähle ich euch nicht. Sonst wollt ihr den Film sehen und ich kann ihn euch nicht zeigen."

(Lida Bach)