16 11/02

"Goat" von Andrew Neel

Auftritt James Franco. Er ist wieder da. Die Legende lebt. Und zwar als erfolgreicher Geschäftsmann mit Frau, Kind und Fusselbart, der an seine alte Universität zurückkehrt und zuerst im Haus seiner alten Studentenverbindung vorbeischaut. Als er dort zu seiner ersten Dose Bier ansetzt, scharen sich seine Nachfolger sofort ehrfürchtig um ihn, und es dauert nicht lange, bis er sich sein Shirt vom Körper reißt, auf der Brust trommelt und die Versammelten brüllend auf die Verantwortung ihrer Bruderschaft einschwört.


(Bild aus Goat von Andrew Neel; Copyright: Killer Films / RabbitBandini Productions / Great Point Media)

Mittlerweile könnte man wahrscheinlich ein Subgenre von Filmen definieren, in denen etwa auf halber Strecke James Franco ins Bild kommt und sich zwinkernden Auges hofieren lässt. An Goat war er auch hinter der Kamera beteiligt, nämlich als einer der Co-Produzenten. Das Regiedebüt von Andrew Neel, das erst kürzlich auf dem Sundance Film Festival uraufgeführt wurde, feiert nun im Berlinale Panorama seine Internationale Premiere. Der nackte Oberkörper des James Franco bleibt darin nicht allein. Schon die erste Einstellung stellt das Untersuchungsobjekt des Films in aller Deutlichkeit aus: attraktive Männer, jung und weiß, feuern etwas an, das sich unserem Sichtfeld entzieht. Im Fokus stehen sie selbst, eine extreme Zeitlupe offenbart das Spiel ihrer Muskeln, perfekte gefletschte Zahnreihen in den verzerrten Gesichtern, Fieber in den Augen. Unter ihnen Brad (Ben Schnetzer), ein Erstsemester, der sich auf den Tipp seines älteren Bruders Brett (Nick Jonas) hin um die Mitgliedschaft bei der Studentenverbindung Phi Sigma Mu bemüht. Für ihn und seine Mitbewerber bedeutet das die obligatorische Teilnahme an der "week of hell". "Goats" – Ziegen – nennen die Verbindungsstudenten ihre Neulinge, die während dieses Aufnahmerituals bis an den Rand der Menschenwürde gequält und gedemütigt werden. Alles im Namen der loyalen Bruderschaft, der unantastbaren Männlichkeit. Mit Missbrauch habe das nichts zu tun, erklärt einer der Älteren, das sei doch verweichlichter Quatsch. Bei der Höllenwoche handele es sich lediglich um einen Übergangsritus.

In Goat zeigen Andrew Neel und seine Co-Autoren David Gordon Green und Mike Roberts eine Welt, die von Riten und einzuhaltenden Codes bis ins Detail bestimmt ist. Die Studentenpartys zum Beispiel, die in ihrer Inszenierung nach Schema F ganz genau die Formelhaftigkeit solcher Veranstaltungen abstecken. Schwarzlicht und pumpende Bässe, erhobene Hände, das Bierfass in der Küche und irgendjemand hat Kokain aufgetrieben. Die Männer sind durchtrainiert und tragen ihre Baseballcaps verkehrt herum, die anwesenden Frauen sind knapp bekleidet und entsprechen dem Schönheitsideal von Werbeplakaten. Ein verächtliches "Sei keine Pussy" bekommt zu hören, wer über den Abend verteilt nicht die von ihm erwartete Menge Promille in seinen Körper hineinpumpt. Brad entspricht dem in diesem Umfeld eigentlich eher seltenen Typen, der den Alkohol ausschlägt, um noch sicher mit dem Auto nach Hause zu fahren. Seiner Nettigkeit ist es auch zu anzulasten, dass er eines Nachts auf dem Nachhauseweg Opfer eines brutalen Überfalls wird. Zwei verschlagen unter ihren Kapuzen hervorschauende Typen klauen Auto und Wertgegenstände und empfinden einen sadistischen Spaß daran, den wehrlosen Brad windelweich zu prügeln.

Welche Gewalt ist nun mehr zu verurteilen? Die strafrechtlich relevante zweier Verlierertypen vom Dorf – oder die quasi institutionalisierte im Rahmen studentischer Hybris und Profilierungssucht? Goat versucht nicht nur, die sozialen Bedingungen auszuforschen, unter denen die Gruppendynamiken zwischen jungen Männern Gewalt immer hemmungsloser werden lassen, sondern ergötzt sich auch mit einer Tendenz zur Exploitation an seinen drastischen Darstellungen folterähnlicher Praktiken. Halb nackte Körper im Schlamm, Kotze, Zwangsfütterungen und martialisches Gebrüll machen einen beträchtlichen Anteil der Laufzeit aus und steigern den physischen und psychischen Ekelfaktor von Spektakel zu Spektakel. Dass das Drehbuch seine Schwächen hat und besonders die Beziehungen der Figuren untereinander kaum greifbar werden lässt, geht dabei regelrecht unter den ausgiebigen Gewaltexzessen aus dem Gedächtnis verloren. Und natürlich unter dem selbstironisch aufgeladenen Gastauftritt des ikonischen James Franco.

(Katrin Doerksen)

Goat läuft morgen (Fr, 12.02.) um 10.00 Uhr und am Donnerstag (18.02.) um 12.30 Uhr im CinemaxX sowie am Mittwoch (17.02.) um 21.30 Uhr und am Samstag (20.02) um 19.00 Uhr im Zoo Palast als auch am am Freitag (19.02.) um 14.30 Uhr im Cubix.

Alle weiteren Berlinale-Texte wird es nach und nach hier geben.