14 10/02

The Second Game

Es ist wieder so ein harter, osteuropäischer Winter in Rumänien. Es schneit und das dunkle Grün des Fußballfeldes wird langsam weiß. Doch 1988 ist das für die wichtigsten Fußballer des Landes keine Ausrede nicht aufs Feld zu gehen. Und das Lokalderby Steaua gegen Dinamo Bukarest wird angepfiffen. Der Schiedsrichter ist Adrianu Porumboiu. Dessen Sohn, Corneliu, war damals noch ein Junge. Vor diesem Spiel klingelte das Telefon. Anonyme Drohungen gegen den Vater wurden ausgesprochen. Das Kind sah sich das Spiel an und zitterte um das Leben des Vaters.

(Stiill aus The Second Game, Courtesy: Berlinale 2014)

Jetzt ist Corneliu Porumboiu einer der wichtigsten intellektuellen Filmemacher Europas und sein Einfluss auf das stets aufregende, rumänische Kino nicht hoch genug einzuschätzen. Für The Second Game kehrt er zu dem Lokalderby von 1988 zurück und wählt eine überaus raffinierte Form, um sich mit seiner Vergangenheit und der seines Landes auseinanderzusetzen.

Der Film dauert 90 Minuten und zeigt in Gänze die Fernsehübertragung des Spiels Steaua gegen Dinamo. Die alte VHS-Aufnahme flackert auf der Leinwand, ist grobkörnig und kann ihre Herkunft aus den Archiven des rumänischen Staatsfernsehens, wo sie heute als Kuriosität gezeigt wird, kaum verbergen. Aus dem Off, quasi als Audiokommentar, ertönt der Dialog von Vater Adrianu und seinem Sohn Corneliu, die sich das Spiel gut 20 Jahre nach dem Anpfiff nochmal ansehen. Es entspinnt sich ein hoch politischer Dialog, der seine Spannung aus der Gegenüberstellung von Kommentar und gezeigtem Spiel gewinnt. The Second Game ist eines der aufregendsten Seherlebnisse auf der Berlinale und eines dieser vielen Beispiele für die Reifung des rumänischen Kinos, das uns seit nun fast zehn Jahren immer wieder von neuem vor Augen führt, wie man sich mit der jüngsten Geschichte des Landes filmisch konfrontieren kann.

In dem Fußballspiel zeigt sich das so: Beide Mannschaften waren Teams, die unterschiedlichen Kräften des sozialistischen Ceausescu-Regimes nahe standen. Dinamo war das Team der Geheimpolizei Securitate. Steaua das Team der Armee. Und zwischen diesen Fronten rennt der Schiedsrichter Adrianu Porumboiu, der vor dem Anpfiff bedroht wurde und seinem Sohn von der Zeit erzählt. Doch Adrianu ist ein sehr diskreter Gesprächspartner. Ja, es gab Drohungen. Er habe sie aber nicht ernst genommen. Es ging ihm nur um den Fußball. Und da stehen an diesem Wochenende ganz andere Fragen im Mittelpunkt. Pfeift man das Spiel trotz Schneegestöber an? Hat er zu häufig das Spiel laufen lassen? Zu selten die Gelbe Karte gezogen? Bewusste Entscheidung oder doch ein Einknicken vor der Macht des Regimes?

Diese Fragen kreisen stets im Raum und generieren eine Spannung, die sich dabei allein aus der intelligenten Form nährt. Die Konflikte sind persönlicher Natur (Sohn befragt Vater) aber auch politisch (Individuum gegen Regime). Damit fügt sich dieser Dokumentarfilm nahtlos in das Werk Porumboius, der erst kürzlich mit seinem Spielfilm When Night Falls over Bucharest or Metabolism die Tücken des Filmemachens selbst unter die Lupe nahm. Sein Kino hat sich Schrittweise den verschiedenen Unterdrückungsmethoden seines Heimatlandes genähert. Hat Macht und Ohnmachtsperspektiven beleuchtet. Da ist der Weg über das Fußballspiel nur konsequent. Und auch das rumänische Gesundheitssystem bekommt - traditionell - wieder einmal sein Fett weg. Denn immer wenn es ein Foul gibt schwenkt die Kamera sehr unbeholfen ins Publikum. Adrianu klärt auf: Dass ein Genosse einen andern Genossen foult, das durfte man damals nicht zeigen. Die provisorisch verbunden Wunden zeigen ihr übrigens. The Second Game ist eine schlichte und in ihrer Schlichtheit brillante Allegorie auf den osteuropäischen Sozialismus und dabei auch noch eine sehr sehenswerte Stilübung im Umgang mit Archivmaterial.

P.S.

Ein Jahr später wird der Diktator Ceausescu vertrieben und hingerichtet. Der Sozialismus wird in Osteuropa verschwinden und die Berliner Mauer fallen. Gheorghe Hagi wird für Real Madrid spielen und dort zu einem europäischen Fußballstar werden. Aber in den abgeschirmten Gesichtern der Zuschauer des 1988er Derbys deutet nichts daraufhin, dass sie Umwälzungen erwarten. In dieser Starre und Kälte liegt eine bizarre Enthaltsamkeit, die dann doch doch viel sagt über das Rumänien von damals und heute. Und wieder einmal verdanken wir es dem rumänischen Kino, dass es uns auf diese feinen, fast unmerklichen Spannungen hinweist.

Bei Chris Marker heißt es in Sans soleil: "Die Geschichte wirft ihre leeren Flaschen aus dem Fenster." Corneliu Porumboiu ist sich nicht zu schade auf diese Flaschen seine Kamera zu richten und produziert nebenbei das vielleicht kostbarste Juwel auf der diesjährigen Berlinale!

(Patrick Wellinski)

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