14 10/02

Is the Man Who Is Tall Happy?

Ein kleines Kinoexperiment: Michel Gondry, eklektischer Filmemacher (Science of Sleep - Anleitung zum Träumen, Vergiss mein nicht!) trifft Noam Chomsky, Linguist, Philosoph und einer der wichtigsten Intellektuellen der Gegenwart. Die zwei sind Männer, die nicht einfach zu verstehen sind. Gondry ob seines heftigen französischen Akzents, Chomsky ob seiner logischen Fähigkeiten, denen man nicht so einfach folgen kann. Ihre Gemeinsamkeit: Passion, Neugier und die Lust am (Er)finden und Erforschen.

(Still aus Is The Man Who Is Tall Happy?, Copyright: Partizan Pictures)

Und weil diese Paarung schon ungewöhnlich ist und große Herausforderungen liefert, entscheidet sich Gondry dafür, das Gespräch nur teilweise zu filmen und stattdessen den größten Teil der ausgetauschten Worte lieber zu animieren. Und zwar eigenhändig. Das Ergebnis ist ein Dokumentarfilm, der einer engen Definition von Dokumentation nicht mehr gerecht wird, der diese Kategorie auflöst und in Frage stellt. Chomsky, der große Denker findet das gut, propagiert er doch ständig, dass der Mensch alles in Frage stellen, alles anders machen und ausprobieren soll. Und so ist es nur konsequent, dass Gondry seinen Film damit beginnt, zu erklären wieso er animiert. Denn, so Gondry, das menschliche Hirn hat eine große Kapazität dafür Kausalverbindungen herzustellen und im Sinne der Filmbilder eine Kontinuität zu entwickeln. Sprich: Aus den einzelnen Bildsequenzen, die getrennt sind durch Schnitte, machen wir etwas linear-kausales - wir bilden eine Erzählung, die uns so als wahr erscheint. Ein wunderbarer Trick, ohne den Kino nicht möglich wäre. Doch hier soll er nicht so unbedacht sein. Die schrubbeligen Animationen Gondrys sind so offensichtlich subjektiv und nicht "real", dass er hofft, diese mögen Dissens erzeugen und für Abstand sorgen - eine Idee, die zumindest in meinem Selbstversuch nicht ganz aufgeht, denn Gondry missachtet hier die Gewöhnung. Nach einer halben Stunde waren meine Sehgewohnheiten doch ganz ähnlich und ich ließ mich in das animierte Gespräch fallen. Aber sei's drum, die Idee ist wunderbar und unterstützt Chomskys Gedanken vortrefflich.

(Still aus Is The Man Who Is Tall Happy?, Copyright: Partizan Pictures)

Und diese Gedanken - oder besser das Gespräch zwischen diesen beiden unterschiedlich Denkenden - ist das eigentlich Interessante. Gondry entlockt Chomsky einerseits Details seiner eigenen Ausbildung und Familie, andererseits versuchen sich beide an einem philosophischen Gespräch über den Erwerb von Sprache und darüber, wie das menschliche Gehirn einen Bezug zu seiner Umwelt herstellt und seine Welt interpretiert. Dabei gelingt es Chomsky, spätestens nach den naiven aber stets ernstgemeinten und interessierten Nachfragen Gondrys, seine komplexen Theorien anhand von Beispielen so zu erklären, dass ein jeder Zuschauer nicht nur mitkommt, sondern auch viel Spaß an den Gedankenspielen haben kann. So ist Is the Man Who Is Tall Happy? nicht nur ein wunderbares Filmexperiment, sondern auch eine unterhaltsame und inspirierende Philosophiestunde, die sofort Lust auf mehr Denken macht.

(Beatrice Behn)

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