14 10/02

Hüter meines Bruders

"Leg deine Musik ein", sagt Gregor zu Pietschi bei der Autofahrt, "und guck mal unter deinen Sitz: gekühltes Bier." Denn: "Ich weiß doch, was mein Brüderchen will." Weiß Gregor das wirklich? Kennt er Pietschi? Kennt er sich selbst?

(Still aus Hüter meines Bruders - Copyright Matteo Cocco)

Gregor und sein Bruder Pietschi gehen auf Segeltörn, über Pfingsten, Segeln ist eine Leidenschaft noch aus der Kindheit. Inzwischen freilich führen sie ganz unterschiedliche Leben: Gregor ist Arzt, sorgt sich um seine Karriere und um seinen Lebenslauf, hat eine Frau und ein Haus. Pietschi ist Designer, macht Musik und Fotos, lebt in den Tag hinein und hat diverse Frauenbekanntschaften, die er nicht lange erhalten mag. Doch wenn sie an der Nordsee sind, dann wirken sie wie eins - und die Bilder unterstreichen die Gemeinschaft, die Zusammengehörigkeit, die warmen Töne könnten einer Bierwerbung entsprungen sein.

Beim abendlichen Kneipenbesuch verschwindet Pietschi. Und Gregor bleibt ratlos zurück. Dass dem Bruder etwas zugestoßen ist, glaubt er nicht. Aber vielleicht braucht er ihn? Auch hat er außer seinem Krankenhausdienst wenig zu tun. Die Frau ist beruflich im Ausland. Da kann er sich doch um den Verbleib des Bruders kümmern. Gregor forscht nach. Und gerät in eine Welt, die er nicht kennt und die ihn fasziniert.

Es ist der Kampf zwischen Spießertum und (gehobener) Bohème, den Maximilian Leo in seinem Filmdebüt darstellt, ein Gegeneinander von Sicherheit und Freiheit: Und Gregor, der sein Leben bestens aufgestellt hat, ist fasziniert von dem, was er über seinen Bruder erfährt; von dem, was er in dessen Wohnung vorfindet. Bruchstücke eines Lebens lassen ihn an eine erstrebenswerte Alternative dessen glauben, was er sich vorgenommen hatte. Er stöbert im fremden Leben, und mehr und mehr nimmt er sich Pietschis Identität an, schlüpft in dessen Leben hinein, dem ja nun, nach dem Verschwinden des Bruders, ein Körper fehlt.

(Still aus Hüter meines Bruders - Copyright Matteo Cocco)

Tatsächlich wird er immer wieder verwechselt mit seinem Bruder, und er spielt auch mit den Identitäten, wenn er sich an Pietschis Verflossene heranmacht, um ein Stück von dessen freiem Lebenswandel abzubekommen. So viele Möglichkeiten tun sich ihm auf: Eine Affäre mit der Barfrau; die flirtende Nachbarin von Pietschi; oder doch der Kauf eines Reihenhauses, zusammen mit seinen Freunden aus dem alten Leben?

Die kluge Bildgestaltung mit expressiver Lichtinszenierung von Kameramann Matteo Cocco bestärkt den "culture clash", dem Gregor gerne erliegt - das Ausprobieren eines neuen Stils, einer anderen Welt. Das bläulich kalte Licht der Klinik gegen die warmen, vollen Farben der Bars, in die es ihn treibt; das ordentliche "Schöner Wohnen"-Heim gegen die vollgestopfte, wilde, aber nicht stillose Wohnung von Pietschi; die hellen und die dunklen Szenen - jene mit warmen und jene mit kalten Farbtönen... Hüter meines Bruders sieht gut aus, ist durchdacht inszeniert.

Und erliegt doch immer wieder der Banalitätsfalle. Sowie der Falle, zu viel zu charakterisieren und zu wenig zu erzählen. Und der Falle, zu wenige Ambivalenzen zuzulassen. "Selbstmörder wollen sich meist gar nicht umbringen. Oft ist es nur ein Schrei nach Aufmerksamkeit." Diesen Gemeinplatz lässt Arzt Gregor tatsächlich los, in einer kleinen Nebengeschichte um eine 16-Jährige mit aufgeschnittenen Pulsadern. Das aber weiß man auch so. Und die Fragilität des Lebens zu zeigen muss eben auch nicht unbedingt bedeuten, ständig den Suizid aus der Ecke hervorlugen zu lassen - aus dem Nichts werden ganz gerne mal Selbsttötungsgedanken angesprochen, mit denen man als Zuschauer nicht unbedingt rechnen würde.

"Ich dachte immer, mein Bruder braucht mich. Aber ich brauch ihn genauso." Das ist Gregors etwas simples Fazit des Films. Die 16-jährige Lebensmüde hat noch ein anderes: "Du hast einfach die Schnauze voll von deinem scheiß Wichserleben." Recht haben sie beide. Und Pietschi bleibt verschwunden. Vielleicht, weil er es in dem Leben, das er sich geschaffen hat und in dem sich Gregor temporär so wohl fühlt, auch nicht mehr aushält.

(Harald Mühlbeyer)

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