14 10/02

Der Samurai

Ein Wolf treibt in einem keinen Dorf an der deutsch-polnischen Grenze sein Unwesen. Der junge Polizist Jakob (Michel Diercks) versucht das Tier zu zähmen, zumindest bis ihn eine andere Aufgabe voll und ganz einnimmt. Wobei der Abend ganz harmlos mit einem Paket anfängt, das bei der Polizei abgegeben wird und das Jakob dem richtigen Empfänger zustellen will. Doch dieser entpuppt sich nicht nur als Wahnsinniger, er scheint geradezu auf den grünohrigen Polizisten gewartet zu haben. Und ehe sich Jakob versieht, jagt er einen Samurai-Schwert-schwingenden Transvestiten (Pit Bukowski) durch die Straßen und versucht, ihn festzunehmen.

(Bild aus Der Samurai, Copyright: Emi Maria Bohacek, Edition Salzgeber) 

Wem schon diese kurze Inhaltsangabe zu verschroben klingt, für den ist der Film wahrscheinlich nicht gemacht. Mag die Geschichte anfangs noch in der Realität verwurzelt sein, löst sie sich im weiteren Verlauf immer weiter von ihr und dringt in eine seltsame Scheinwelt, die einem Traum nicht unähnlich ist - nur um am Ende wieder in das Hier und Jetzt zurückzukehren, ganz so, als hätte die Erzählung den sicheren Boden nie verlassen. Fast möchte man sich fragen, ob vielleicht der Traum selbst nur ein Traum war und sich das Verdrängte einfach einen Weg in unsere Realität bahnt.

Der Wolf symbolisiert im Traum wie auch im Märchen Triebe, Instinkte und Begierden. Auch in Till Kleinerts erstem Langfilm geht es nur vordergründig um die titelgebende Figur. Mit Der Samurai, einem Film des Kollektivs "Schattenkante", zu dem neben dem 1980 geborenen Kleinert auch noch Produzentin Anna de Paoli und Regisseur Linus de Paoli (Dr. Ketel - Der Schatten von Neukölln), schließt Kleinert sein Studium an der dffb ab. Für ein Debüt ist diese Mischung aus homoerotisch aufgeladenem Coming-of-Age-Revenge Film, alptraumhaftem Thriller und wildem Märchen tatsächlich ein beachtliches Werk, dem es gelingt, viel in der Schwebe zu halten. Auch wenn der Zuschauer ahnt, dass der Protagonist Jakob, der Wolf und schließlich der animalische Transvestit mit dem Katana zusammengehören, ja, Teil eines Ganzen sind, lässt Kleinert dies bis zum Ende gekonnt offen.

(Bild aus Der Samurai, Copyright: Emi Maria Bohacek, Edition Salzgeber) 

Vielleicht ist dies sogar die größte Stärke seines Films, dass er trotz offensichtlicher Vorbilder seinen eigenen Weg geht und immer wieder einen Abzweig nimmt, mit dem man nicht gerechnet hätte. Vor allem der ein oder andere schalkhafte Moment und insbesondere der Schluss, der die Erwartungen des Genre-Kenners noch einmal geschickt unterläuft, veredelt dieses sehenswerte Debüt. Am Schluss ist der Wolf gezähmt. Oder auch nicht. Man darf sich auf weitere Filme des Regisseurs freuen.

(Björn Helbig)

Partner

  • Deutsche Film- und Medienbewertung
  • Arthaus Filme
  • Filmförderung Baden-Württemberg
  • Filmfest München