14 06/02

Blind

Gäbe es im englischen das Wort "Kopfkino" so wäre dies mit Sicherheit ein ebenso treffender, wenn nicht gar treffenderer Titel für Eskil Vogts Drama Blind. Denn eben darum geht es: um Bilder, Vorstellungen und Geschichten, die sich nicht in der Realität, sondern ausschließlich im Kopf abspielen.

Ingrid (Ellen Dorrit Petersen) ist als erwachsene Frau erblindet. Seitdem hat sie das Haus nicht mehr verlassen - aus Angst, aber auch aus Depression. Statt mit der Außenwelt zu interagieren, zieht sich Ingrid immer stärker in sich selbst zurück, dahin, wo sie noch etwas sehen kann. In ihren Gedanken visualisiert sie nicht nur die Stadt, in der sie lebt, um die Erinnerung aufrecht zu erhalten, sondern erfindet auch Geschichten, die sie auf ihrem Computer niederschreibt. Blind ist eine Mischung aus Ingrids realem Leben und ihrer Vorstellungswelt, wobei Eskil Vogt diese beiden Ebenen so geschickt miteinander verwebt, dass auch der Zuschauer diese zuweilen nicht voneinander trennen kann. Diese Vorgehensweise führt schließlich zu der Erkenntnis, dass Ingrids Geschichten ausschließlich Projektionen ihrer eigenen Ängste und Sehnsüchte sind. Die Vorstellungsebene ist hiermit im Grunde ebenso real wie die "Wirklichkeit".

Das Sehen spielt in Blind eine vielfältige Rolle. Ingrid selbst fühlt sich von ihrem Mann beobachtet, glaubt, er würde sich heimlich in ihr Zimmer schleichen und sie unbemerkt betrachten. Sie leidet darunter, sich nicht selbst sehen zu können: Ist sie noch attraktiv, erotisch? Diese Gedanken spiegeln sich in ihrer Imagination. In ihrer Geschichte beobachtet ein Mann seine Nachbarin durchs Fenster, ohne dass jene sich dessen bewusst wäre. Auf diese Weise verschränken sich immer wieder Ingrids Gefühle mit ihren Geschichten. Mit dem Fortschreiten der Handlung werden die Übergänge immer fließender, bis Ingrid schließlich selbst in ihre Geschichte eintritt und auf einer Metaebene mit ihrem Mann darüber diskutiert, warum sie ihrer Protagonistin das verdiente Happy End vorenthält.

Blind ist vollständig Ingrids Geschichte. Ihr Voice Over führt durch die Handlung, ihre Perspektive ist die unsrige. Nach und nach versteht man, dass es sich im Grunde bei allen Bildern, die wir sehen, um ihre Vorstellungen handeln könnte. Es spielt dabei keine Rolle, ob ihre Wohnung "in Wirklichkeit" so aussieht wie wir sie sehen, denn das was Eskil Vogt zeigt, ist Ingrids ganz subjektive Wirklichkeit. So nimmt uns der Regisseur und Drehbuchautor mit durch einen psychologischen Entwicklungsprozess seiner Hauptfigur. Wir erleben wie sich Ingrid mit ihrer Erblindung auseinandersetzt. Wir erleben Verlustängste, Eifersucht und Wut.

Dabei lässt Vogt stets Raum für Humor, beispielsweise wenn Ingrid durch Unaufmerksamkeit oder Sinneswandel spontan die Rahmenbedingungen ihrer Geschichte verändert, ein Sohn plötzlich zu einer Tochter wird oder sich ein Kaffee in eine Straßenbahn verwandelt. Gegen Ende verliert Blind bedauerlicher Weise diese Leichtigkeit und entwickelt sich immer stärker zu einem rührseligen Drama, dass der Geschichte ihre Kraft raubt.

Das ist schade, denn mit den geschickt verwobenen Ebenen von Realität und Imagination gelingt es Eskil Vogt, ein eindringliches und überzeugendes Psychogramm seiner Hauptfigur zu zeichnen und dem Zuschauer einen tiefen Einblick in ihre Situation zu verleihen. Blind zeigt die Probleme, Ängste, Herausforderungen, Intimität und Sexualität einer erblindeten Frau, deren Kopfkino ebenso amüsiert wie berührt oder schockiert. Die Rührseligkeit des Finales und das deutliche Bestreben, aus Ingrids innerem Chaos eine heile Welt zu formen, schwächen jedoch die Authentizität und Überzeugungskraft der Geschichte. Am Ende ist Blind eben auch "nur" ein externalisiertes Kopfkino von Eskil Vogt.

(Sophie Charlotte Rieger)

Fotos (c) Kimm Saatvedt

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