14 10/02

Arrête ou je continue

Woran merkt man, dass eine Beziehung ihre Halbwertzeit überschritten hat? Regisseurin Sophie Fillières scheint sich hierüber ausgiebig Gedanken gemacht zu haben, denn dem Ehepaar in ihrem Film Arrête ou je continue ist der Überdruss umgehend anzumerken. Gefühlskälte ist die vorherrschende Emotion zwischen Pomme (Emmanuelle Devos) und Pierre (Matthieu Almaric), ständig geraten sie aus schwer nachvollziehbaren Gründen in Streitigkeiten. Nähe? Fehlanzeige.

Es ist als Zuschauer nicht leicht nachzuvollziehen, was diese beiden Menschen jemals aneinander gebunden hat. Ebenso schwer jedoch gestaltet sich die Analyse des Problems. Was Pomme und Pierre auseinanderdriften lässt, will sich uns nicht so recht erschließen. Vielleicht wissen sie es selbst nicht?! Die Situation eskaliert während eines Wanderausflugs. Pomme bricht aus der Beziehung aus, indem sie sich in die Wildnis schlägt und bei Eiseskälte mehrere Nächte im Wald verbringt. Im Gepäck nur eine Tagesration Nahrung und zwei Outdoor-Jacken. So richtig mag dieser masochistische Selbstfindungs-Trip nicht überzeugen. Pommes Reaktion wirkt auf eine kindliche Weise trotzig. Wie eine Drei-jährige, die ihren Willen nicht bekommt und "ausreißt", stapft die erwachsene Frau beleidigt in den Wald hinein und kommt mehrere Tage nicht mehr heraus. Auch ganz praktisch passt hier eines nicht zum anderen: Ihr Rucksack ist immer halb gefüllt, egal ob sie ihre beiden Outdoor-Jacken am Körper trägt oder auf dem Rücken transportiert und trotz Schneefalls scheint Pomme die Nächte unter freiem Himmel problemlos zu überstehen.

Ungereimtheiten finden sich in Arrête ou je continue auf nahezu allen Ebenen. Auf der einen Seite wirkt der Film wie eine Beziehungskomödie. Zu übertrieben und konstruiert sind einige der Situationen, um für bare Münze genommen zu werden. So richtig lustig ist das Ganze aber auch nicht. Andererseits wird wiederholt das Drama einer schweren Krankheit angedeutet, ohne sich jedoch jemals voll zu entfalten. Bis zum Ende bleibt unklar, welche Rolle Pommes gutartiger Gehirntumor für die Geschichte spielt. Die Unsicherheit, ob der Film nun ernst genommen werden oder doch eher amüsieren möchte, führt zu anhaltender Irritation. Vielleicht wissen Pomme und Pierre selbst nicht so richtig, ob sie einander noch wirklich ernst nehmen können und wollen und mit Sicherheit versucht Sophie Fillières diese Widersprüche und Unsicherheiten auch durch die Machart ihres Films zu vermitteln. Das Konzept geht jedoch nur bedingt auf, da wir als Kinopublikum zu wenig an die Hand bekommen, um uns auf die Geschichte einzulassen. Keine der Figuren erschließt sich in einem Maße, das wahre Sympathie oder gar Identifikation erlauben würde. Der Beziehungsreigen auf der Leinwand vermag nicht anzurühren - weder auf komödiantische, noch auf tragische Weise. Die Figuren bleiben uns fremd, ihr Verhalten ein Rätsel.

Schade eigentlich, denn Sophie Fillières erzählt hier keine absonderliche, sondern eine immens alltägliche Geschichte vom Ersterben einer Liebe und der Weigerung der Beteiligten, diese Entwicklung zu akzeptieren. Zunächst scheint es, als könnten die Konflikte zwischen Pomme und Pierre auf simple Muster wie Eifersucht runtergebrochen und gelöst werden, am Ende jedoch müssen die Eheleute erkennen, dass Konflikte dieser Art nicht die Ursache, sondern ein Symptom für den Abwärtstrend ihrer Beziehung darstellen.

Aber wie wir es auch drehen und wenden, wir können zu Arrête ou je continue und seinen Figuren einfach keine emotionale Beziehung aufbauen. Infolgedessen droht uns das undefinierbare Dramödien-Geplänkel der Eheleute ebenso stark auf die Nerven zu gehen wie jenen ihr Gegenüber. Zum Glück ist unsere Trennung von diesem Film nach 102 Minuten vorprogrammiert.

(Sophie Charlotte Rieger)

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