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14 15/07

Seitenwege großer Kino-Meister: Jean-Pierre Jeunet - Epik in Kürze

In der sogenannten "Auteur-Theorie" gilt der Regisseur eines Films als dessen zentraler Gestalter: Die künstlerische Handschrift des Auteurs verleihe einem Werk einen gewissen Stil, der sich durch das Œuvre des jeweiligen Filmemachers ziehe. Interessant ist nun vermutlich, wenn sich ein Auteur von seinem Hauptweg - dem Kino - entfernt und einen Seitenweg beschreitet: Gelingt es ihm, seinem auf großer Leinwand etablierten Stil treu zu bleiben, wenn er sich etwa an die Inszenierung eines Werbespots oder eines Musik-Clips wagt? Dieser Frage soll in der neuen kino-zeit-Reihe "Seitenwege großer Kino-Meister" ab sofort nachgegangen werden.

(Jean-Pierre Jeunet am Set von Die Karte meiner Träume)

Zu den kinematografischen Kreativgeistern, die sich auf einen Seitenweg (zurück-)begeben haben, gehört Jean-Pierre Jeunet, dessen neuestes Werk Die Karte meiner Träume vor kurzem in den deutschen Kinos anlief. Der 1953 geborene Franzose gab im Jahre 1991 (gemeinsam mit Marc Caro) sein Lichtspielhaus-Debüt mit dem Märchen Delicatessen, in welchem es um die globale Katastrophe geht - in erster Linie jedoch um hübsch verschrobene Charaktere. Die Skurrilität wurde - gepaart mit Einfallsreichtum und berückender Schönheit (die selbst im Schrecklichen sichtbar wird) - zum Markenzeichen Jeunets. Auf die Verbindung von Kannibalismus und Liebe in Delicatessen folgten die schwarze Fantasy-Komödie Die Stadt der verlorenen Kinder (1995) und der erstaunlich witzige vierte Teil der Alien-Reihe (1997; nun in Solo-Regie).

Mit Audrey Tautou fand Jeunet zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine überaus bezaubernde Muse, mit der er die Meisterstücke Die fabelhafte Welt der Amélie (2001) und Mathilde - Eine große Liebe drehte. Als Team waren die beiden auch bei Jeunets Seitenweg vereint: Jeunet, der einst mit Werbe- und Kurz(animations)filmen sowie mit Musikvideos begonnen hatte, widmete sich nach seinen Spielfilm-Erfolgen erneut der Kunstform des Commercials und schuf einen Chanel Nº 5-Spot, der seinem cineastischen Stil zur Gänze entspricht und ohne Übertreibung als Short Movie bezeichnet werden kann.

Eine dynamische, schwebende Kamera, berauschende Lichteffekte, ein intensiv-erotischer Moment zu zweit, gefolgt von Träumen, Verfehlungen und schließlich der sinnlichen Wiedervereinigung - stets in pompöser Ausstattung und pittoresker Kulisse. Wie schön! Ein älterer Werbeclip Jeunets, der zur Vorsicht auf den Straßen ermahnt, steht indes ganz im Zeichen der Bizarrerie, die sich in den Frühwerken des Regisseurs findet.

(Andreas Köhnemann)