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14 11/08

Locarno 2014: "Dancing Arabs" von Eran Riklis

Als bisheriger Publikumsliebling beim diesjährigen Filmfestival von Locarno hat sich Eran Riklis neuer Film Dancing Arabs schon nach der ersten halben Stunde herausgestellt. Das mag vor allem daran liegen, dass dieser Film ein wenig Lachen über einen Wahnsinn erlaubt, der sich seit Jahrzehnten und im Augenblick mit massiver Aggressivität im israelisch-palästinensischen Gebiet abspielt.


(Filmstill aus Dancing Arabs von Eran Riklis, Copyright: Filmfestival Locarno / Riva Filmproduktion)

Erzählt wird die Geschichte des Jungen Eyad, der seine Kindheit in den 1980er Jahren in Israel verbringt. Seine frühen Tage sind noch geprägt von einer politischen Situation, in der ein friedliches Zusammenleben denkbar erscheint, doch die Intifada lässt schon bald die Umgebung des Jungen aggressiver und repressiver werden. Eyad gehört nämlich zur Minderheit von Palästinensern, die in Israel leben. Der Junge ist überaus intelligent, genau wie sein Vater. Doch dessen Leben gibt eine grausame Vorausschau auf ein Dasein, das Eyad ebenfalls ereilen könnte: Trotz seiner Klugheit und einem Platz an der Universität arbeitet der Vater als Pflücker. Seine Zukunft und Hoffnung auf ein Leben in größerer Freiheit scheiterten an seinen politischen Aktivitäten und kamen endgültig an jenem schicksalshaften Tag zum Stillstand, an dem er beschuldigt wurde, eine Bombe gelegt zu haben. Zwei Jahre Haft und eine Exmatrikulation später blieb nichts mehr übrig von seinem Traum. Umso wichtiger ist es für die Familie, dass nun der Sohn eine Chance erhält. Und so schicken sie ihn nach Jerusalem auf die beste Schule des Landes. Doch diese ist jüdisch - und Eyad der einzige Palästinenser weit und breit. Und als ob die Pubertät allein nicht schon schrecklich genug wäre, befindet er sich weit weg von den Eltern in einer Umgebung, deren Sprache er nur mit Mühen beherrscht und deren Kultur nicht die seine ist. Halt findet der Junge in Naomi, einer jüdischen Klassenkameradin. Die beiden verlieben sich ineinander, müssen aber ihre Beziehung geheim halten. Eyad lernt auch Yonatan kennen, der an Muskelatrophie leidet und bald sterben muss. Er hilft dessen Mutter ihn zu pflegen. Als er eines Tages bemerkt, dass er Yonatan ähnlich sieht, beginnt er insgeheim, dessen Identität anzunehmen. Und siehe da: Mit einem jüdischen Pass ist plötzlich alles anders.

Riklis zeichnet hier ein sehr überzeugendes Portrait eines Jungen, der sich nicht nur durch den Identitätsfindungsprozess namens Pubertät kämpfen muss, sondern dabei noch mit seiner kulturellen Identität und deren Ablehnung durch seine Umgebung zu tun hat. Diesem Konfliktthema hat sich Riklis ja schon mehrmals zugewandt, zuletzt in Lemon Tree, der auf der Berlinale 2008 den Publikumspreis gewann. Geschickt macht er das auf jeden Fall. Seine Bilder zeigen immer wieder  - mal offensichtlich, dann wieder unauffällig - das Ausmaß an Rassismus, durch das sich der Junge kämpfen muss. Gleichzeitig setzt er seinen Ton aber eher bittersüß an. Man kann erstaunlich viel lachen in Dancing Arabs. Und genau auf diese Weise, mit dieser einzigartigen Mixtur macht Riklis diesen Film auch massentauglich.

Es ist ein guter Weg, den der Filmemacher hier beschreitet - allerdings gibt es auch einen leicht bitteren Nachgeschmack, denn um seine Massentauglichkeit zu erreichen, muss Riklis die Ecken und Kanten des Themas glätten. Das Ergebnis ist allerdings ein Film, der eines der heftigst umstrittenen Themen der letzten Jahrzehnte wiederum so oberflächlich abbildet, dass er stark Gefahr läuft, seine inhärente politische und humanistische Message zu verlieren. Filme, die sich ohne den geringsten Widerstand einfach so weggucken, bleiben eben nicht hängen. Das macht Riklis Kollege Elia Suleiman dann doch ein wenig besser. Sein The Time That Remains funktioniert ganz ähnlich, ohne jedoch so glatt zu sein und bleibt einerseits gute Unterhaltung, andererseits ein kleiner Stachel im Fleisch des Zuschauers, der die Erinnerung an diesen Film auch nach Jahren nicht erlöschen lässt.

Doch auch wenn der Nachklang kurz ist: Die letzte halbe Stunde von Dancing Arabs ist wohl eine der interessantesten cineastischen Metaphern auf den Wahnsinn eines Konfliktes, der im Kleinen aus vielen Menschen besteht, die kaum noch wissen, wie sie sich entlang des Abgrunds navigieren sollen. Und zulgeich wirft der Film einen erhellendes Schlaglicht auf die Frage der Identität, die auf beiden Seiten so existentiell geworden ist, dass mit ihr ganze Lebensgeschichten stehen oder fallen.

(Beatrice Behn)