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14 28/04

Im Außendienst, Tag 5: Zu Besuch beim 21. Internationalen Trickfilm Festival in Stuttgart

Wer sich nur marginal für Animationsfilme interessiert, sollte einmal im Leben Bill Plympton live erlebt haben. Der Star der Independent-Animation-Szene weiß, dass er einer ist, und präsentiert sich auch so. Vor der Vorführung seines neuen Langfilms Cheatin` ließ er sich nur kurz ankündigen, dann stiefelte er in seinen knallgelben Shorts nach vorne, nahm dem Moderator das Mikrofon aus der Hand und predigte erstmal zehn Minuten sein Evangelium: Bill Plympton sei das Gegenteil von Disney, er sage, was er will und sei verdammt nochmal unbarmherzig in seiner künstlerischen Vision. Applaus.

(Filmstill aus Cheatin`, Copyright: Bill Plimpton)

Ich war nach dieser Vorrede - und ohne selbst je einen von Plymptons Langfilmen gesehen zu haben - überrascht, wie konventionell Cheatin` ist. Sicher, es geht um ein Thema, von dem Disney nie anerkennen würde, dass es überhaupt existiert, nämlich Sex. Und Plymptons Zeichenstil verbindet groteske Karikaturenkunst mit feinen Farb- und Linienkonzepten, wie sie im Mainstream-Animationsfilm nicht zu finden sind. Aber davon abgesehen erzählt Cheatin` seine Geschichte nicht anders, als es amerikanische Trickfilme seit 90 Jahren tun - mit musikalischen Bewegungen, vergleichsweise wenig Abstraktion und einer klaren Plotmachine im Hintergrund. Einige Sequenzen wären ausgekoppelt auch in einer Silly Symphony-Kollektion kaum fehl am Platz.

Da treffen sich die schöne Ella und der schöne Jake, verlieben sich sofort und sind fortan Sklaven ihrer Lust. Weil Jake nur noch Augen für Ella hat, ist die restliche Damenwelt eingeschnappt. Also manipuliert eine besonders windige Lady ein Foto so, dass es aussieht, als betrüge Ella ihren Beau und jubelt es Jake unter. Jake, herzgebrochen flennend, sieht keinen anderen Ausweg, als Ella fortan im Akkord zu betrügen. Ella sitzt gleichzeitig alleine zu Hause, weiß nicht wie ihr geschieht und muss eine erstaunliche Maschinerie in Gang bringen, um Jake zurückzugewinnen.

Dass das überhaupt als Ziel des Films definiert wird und Ella ihn nicht einfach mit seinem Verhalten konfrontiert, zeigt, dass Cheatin` nicht nur konventionell erzählt ist, sondern auch an einem althergebrachten Weltbild festhält. Gerettet wird er durch seinen Humor, der ausnahmslos auf den Punkt genau inszeniert und zeichnerisch ebenso präzise umgesetzt ist. Plympton weiß genau, wie weit er einen Gag ausreizen kann und trifft damit immer ins Schwarze - etwa wenn ein von Ella angeheuerter Killer sein Arsenal zusammenstellt und aus der immer gleichen Kommode Waffe um Waffe um Waffe bis zur Atombombe hervorholt. Da hätte auch Wile E. Coyote Beifall geklatscht.

Als weniger treffsicher empfand ich den Humor von Minuscule, einer Langfilm-Version der beliebten Serie, in der sich Cartoon-Insekten in realen Naturaufnahmen tummeln. In kurzen Segmenten mag die vergleichsweise simple Slapstick-Revue rund um knuffige Marienkäfer, fiese Fliegen und sympathische Ameisen - vor allem bei einem sehr jungen Publikum - funktionieren. Auf 90-Minuten gedehnt aber erwarte ich als Zuschauer Charaktere mit etwas mehr Tiefgang und vielleicht auch eine etwas weitergehende Reflektion der eigenen Prämisse und ihrer zugrundliegenden Gesetze.

Unabhängige Animationsfilme müssen in dieser Hinsicht manchmal eine doppelte Bürde tragen. Auf der einen Seite erwartet man von ihnen, dass sie mit der gleichen Kunstfertigkeit und Massenkompatibilität hergestellt werden, wie die großen Geschwister aus den Studios - gleichzeitig aber sollen sie auf kaum definierbare Weise anders sein als die Konzernware.

Das Ergebnis kann man dann in erschreckenden Filmen wie Jack and the Cuckoo Clock Heart bestaunen, der auf der Berlinale Premiere hatte und gestern auch in Stuttgart lief. Ein Film, der eindeutig auf einer singulären Vision basiert, aber hinterum irgendwie versucht, den Massengeschmack anzuzapfen. Ein Unterfangen, das in neun von zehn Fällen fehlschlägt. Stattdessen bekommt man einen Film wie ein Konzert, in dem einzelne Instrumente in einer anderen Tonart spielen als der Rest. Dann vielleicht doch lieber Bill Plympton. Dem kann wenigstens keiner was. Sagt er zumindest. Immer wieder.

(Alex Matzkeit)