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14 26/04

Im Außendienst, Tag 4: Zu Besuch beim 21. Internationalen Trickfilm Festival in Stuttgart

Es ist eine Schande, dass man sich noch so weltoffen geben kann, und doch immer wieder in die Untiefen seiner eigenen Vorurteile tritt. Da habe ich gerade den japanischen Film "Giovanni's Island" gesehen, in dessen Geschichte es nicht zuletzt auch um Völkerverständigung geht. Ich habe erlebt, wie Drehbuchautor und Produzent Yoshiki Sakurai sich anschließend in makellosem Englisch den Fragen des Publikums gestellt hat. Und doch habe ich vor meinem Interview mit ihm irgendwie Hosenflattern, weil ein kulturelles Klischee besagt, dass man aufpassen muss, "den Japanern" nicht zu nahe zu treten.

(Filmstill aus Giovanni's Island, Copyright: Production I.G.)

Tatsächlich tappe ich dann mit meiner ersten Frage doch direkt in den Fettnapf, als ich wissen will, ob das Buch "The Galactic Railroad", das im Film eine zentrale Rolle spielt, tatsächlich existiert. In diesem Buch fahren ein Junge namens Giovanni und sein Freund Campanella gemeinsam auf einer kosmischen Eisenbahn ins Jenseits. Ein Spiegel der Geschichte von Junpei und Kanta, die in Giovanni's Island von der nordjapanischen Insel Shikotan nach Russland deportiert werden, als die Sowjetunion die Insel nach dem Zweiten Weltkrieg besetzt. Aber ja, sagt mein Interviewpartner Sakurai ein wenig bestürzt. Die Geschichte von Kenji Miyazawa sei ein japanischer Klassiker und wurde in viele Sprachen übersetzt. Immerhin finde ich später heraus, dass Deutsch leider nicht dabei ist.

Die metafiktionale Ebene ist nicht unbedingt die stärkste Seite von Giovanni's Island - ein Film, der ansonsten zu den rundesten und berührendsten gehört, die ich bisher auf dem ITFS gesehen habe. Seine Geschichte basiert auf frei adaptierten Erinnerungen eines echten Bewohners von Shikotan und ist eine typische Krieg-durch-Kinderaugen-Erzählung. Junpei und Kanta wissen kaum, wie ihnen geschieht und warum - für sie sind unmittelbare Dinge wie Freundschaft, Elternliebe und Spaß hundertmal wichtiger als die politischen Verstrickungen der Erwachsenen. Mit den beständigen Bezügen auf Miyazawas Buch versucht der Film, dieser sehr erdigen Geschichte eine transzendente Ebene hinzuzufügen, die zwar visuell beeindruckend ist, den Zuschauer mit ihrem saccharinen Pathos aber manchmal auch erdrückt.

(Filmstill aus Trolltag, Courtesy: ITFS 2014)

Wahrscheinlich lässt man sich auf ein weiteres kulturelles Klischee ein, wenn man feststellt, dass die kindlichen Protagonisten in den vorwiegend deutschen Filmen des "Tricks for Kids"-Programms, das ich gestern sehen durfte, eine wesentlich pragmatischere Einstellung zu dem haben, was um sie herum passiert. Unvorhergesehene Umstände werden akzeptiert und müssen nicht metafiktional erklärt werden. Das Mädchen, das in Trolltag loszieht, um einen Tanzbären zu fangen und stattdessen einen Troll trifft, der heiß auf Zuckerwatte ist, lässt sich davon ebensowenig aus der Ruhe bringen wie das Faultier, dass dem Huhn auf der Schmusedecke dabei hilft, endlich sein Ei zu legen. Und der Film "Meine Mutter ist ein Flugzeug" macht um den titelgebenden Umstand ebensowenig Wirbel wie Peter Claus im gleichnamigen Film um seinen berühmten Vater Santa.

Mich jedenfalls freut es immer wieder, wie im Kinderfilm Fantastisches und Alltägliches gleichberechtigt nebeneinander existieren können. Auch wenn man sieht, dass als Auftraggeber hinter vielen dieser tollen Filme der deutsche öffentlich-rechtliche Rundfunk mit Sendungen wie Siebenstein und Ich kenne ein Tier steht. Würden nur ein paar Tropfen der Abenteuerlust und Fantasie dieser Filme verdampfen und beim benachbarten Erwachsenenfernsehen wieder niederregnen - der deutschen Fernsehlandschaft wäre schon viel geholfen.

(Alex Matzkeit)