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14 23/04

Im Außendienst, Tag 1: Zu Besuch beim 21. Internationalen Trickfilm Festival in Stuttgart

Eröffnungsveranstaltungen von Filmfestivals erkennt man häufig daran, dass man im Kino von Menschen umgeben ist, die so aussehen, als würden sie sonst sehr selten ins Kino gehen. Und obwohl sich die Organisatoren ernsthaft Mühe geben, den Eitelkeitsfaktor gering zu halten: dasInternationale Trickfilmfestival Stuttgart (ITFS) ist keine Ausnahme. Die Förderstrukturen der Kunst fordern ihren Tribut und so muss man sich eine Weile durch die Worthülsen von Moderatoren ("Andreas Dresens Film Wolke Acht"), Politikern ("Wir wollen bewährte Qualität, aber auch Neues") und Sponsoren ("Das beste aus 128 Jahren Automobilgeschichte") beißen, bevor man zum Fleisch des Abends, den Filmen, vordringt.

(Copyright des Bildes: Alex Matzkeit)

Festivalgeschäftsführer Dittmar Lump hat gesagt, ein Kurzfilmprogramm anzuschauen sei wie ein Museumsbesuch. Die Zuschauenden bekommt eine Menge Bilder zu sehen, nicht alle gefallen ihnen, aber sie gehen auf jeden Fall bereichert nach Hause. Die erste Rolle des Internationalen Wettbewerbs, die am Dienstagabend das ITFS eröffnete, war definitiv so eine typische Gemischtwarenhandlung. Ulkige kleine Komödien stehen gleichberechtigt neben anspruchsvolleren Erzählungen und abstrakten Poemen. Eine thematische Verknüpfung der Filme existiert nicht, auch wenn zwei Motive auffielen, die zumindest in mehreren Filmen auftauchten.

Da ist einmal das Thema Zuhause. Die Hauptfigur des ersten Films, Leaving Home vom Niederländer Joost Lieuwma, kann oder will es nicht verlassen. Luiz Stockler rezitiert in Home eine Art Dada-Gedicht darüber und bebildert dies mit sexuell expliziten Kritzeleien. Und Berta und Solomon suchen in Uri und Michelle Kranots Hollow Land nach einem neuen Zuhause in der Ferne - leider ohne Erfolg. Ebenfalls ein wiederkehrendes Motiv: dominierende Mütter. Sowohl in Leaving Home, als auch in der deutschen Wrestler-Geschichte Harald muss die Mutter erst sterben, damit der junge Held endlich seine Freiheit genießen kann. Und in Ephemère wird eine mit wenigen Tuschelinien angedeutete Frauenfigur zum Männerfresser. Animation ist immer auch ein bisschen Selbsttherapie, scheint es.

(Filmstill aus Harald, Courtesy: ITFS 2014)

Umso besser vielleicht, dass die Highlights dieses ersten Wettbewerbsprogramms sich den Motiven entziehen. Augusto Zenovellos Lettres de Femmes erzählt, wie wichtig die Briefe der geliebten Menschen daheim für das Heil der Soldaten in den Schützengräben sind. Die Metapher wird, wie in guten Animationsfilmen üblich, manifest - und so bestehen die Soldaten aus Pappmaschee und die in Streifen gerissenen Briefe halten wortwörtlich ihre Wunden zusammen. I Love Hooligans von Jan-Dirk Bouw folgt der inzwischen etablierten Tradition des animierten Dokumentarfilms, Bilder zu Geschichten zu produzieren, die sich aus einsehbaren Gründen nicht mit einer Kamera drehen lassen - in diesem Fall die schizophrene Situation eines heimlich schwulen Fußball-Hooligans. In Subconcious Password reist das Alter Ego des kanadischen Regisseurs Chris Landreth in sein eigenes Unterbewusstsein, um dort in einer Gameshow mit, unter anderem, Yoko Ono, Sammy Davis Jr. und dem großen Cthulhu zu versuchen, sich an den Namen seines Gegenübers zu erinnern - ein Film der vor allem durch seine Vielfalt an Anspielungen und Materialien besticht. Einen in seinem derb-dreckigen Knethumor fast schon klassischen Schlusspunkt setzte schließlich Balder Westeins Pommes Frites, in dem drei weiße Pommestüten vom Wind mitgerissen werden und just in dem Moment auf den Häuptern dreier Kinder landen, als sie bei ihrem afro-niederländischen Nachbarn klingeln.

(Filmstill aus I Love Hooligans, Courtesy: ITFS 2014)

Das Bild vom Kurzfilmprogramm als Museumsbesuch mag passen, wenn man tatsächlich nur als Flaneur unterwegs ist. Von neun Filmen gefallen einem vielleicht fünf, meist eine Mischung aus gut getimtem Humor und künstlerischer Eleganz. Doch wie muss sich das gleiche Erlebnis für die Jurys anfühlen, die am Ende einzelne Preise von 10.000 und 15.000 Euro vergeben müssen? Die Geldsumme wird immer genannt, in Eröffnungsveranstaltungen von Filmfestivals. Aber die Seelenqual der Juroren bleibt ihre Privatangelegenheit.

(Alex Matzkeit)