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15 11/03

Hard To Be A Filmmaker: Die russischen Diskussionen um "Leviathan" von Andrey Zvyagintsev

Vielleicht ist Leviathan von Andrey Zvyagintsev eine der offensten filmischen Attacken auf die aktuelle Regierung des Landes, die bislang gedreht wurde, vielleicht ist es eine universelle Parabel über einen andauernden Kampf im Schatten einer Machtlosigkeit. Mit Sicherheit ist der Film aufgrund seiner Bilder, Stimmungen, Sprache und unverkennbaren Verortung zutiefst ein Portrait russischer Seelen und akuter aktueller, politischer Probleme.


(Andrey Zvyagintsev im Jahre 2009; Copyright: Roadjack / Wikimedia Commons)

Gleichzeitig aber lassen sich die mythologischen Allegorien rund um Kolia, dessen Leben von höheren Mächten vor seinen zunächst kämpfenden, dann resignierenden Augen auseinandergenommen wird, auch als Parabel auf die Existenz an sich verstehen. Für die zweite Lesart spricht auch, dass die Inspiration für den Film die wahre Geschichte eines Landbesitzers in Colorado gewesen sein soll. Einen Universalitätsanspruch konnte man bereits von Elena und dem Venedig-Gewinner The Return - Die Rückkehr behaupten. Letzterer machte Zvyagintsev mehr oder weniger aus dem Nichts zu einem der bedeutendsten russischen Regisseure der schwierigen Jetzt-Zeit. Nur hat er sich bis zuletzt nicht zwangsläufig als Künstler verstanden, der notwendigerweise diese Zeit kommentiert. Dennoch ist klar, dass ein Film gar nicht anders kann als ein Produkt seiner Zeit zu sein und selbstverständlich auch ein Kommentar auf diese Zeit. Ganz unabhängig der Intentionen. Geprägt sind Zvyagintsevs Filme (und da gleicht er durchaus Landsleuten wie Alexei Fedorchenko oder Alexei Pogobrebsky) von den Erfahrungen der Übergangsphase nach dem Ende der Sowjetunion, die ein immenses kreatives Potenzial entzündete.


(Trailer zu Elena)

Auch für Leviathan gewann der gelernte Schauspieler Zvyagintsev bedeutende Preise, unter anderem den für das Beste Drehbuch der Filmfestspiele in Cannes und einen Golden Globe für den Besten Fremdsprachigen Film. Der künstlerische Erfolg hängt wie so oft mit dem Aussprechen unliebsamer Wahrheiten zusammen (die ganz nebenbei in diesem Fall mit dem westlichen Konsens harmonieren). Nicht wenige waren überrascht, als die russische Regierung den Film trotz öffentlicher Kritik als Oscar-Kandidaten des Landes mit unterstützte. Ein Film, in dem ein korrupter Politiker unter einem sehr prominent platzierten Bild von Putin sitzt. Dieses jedoch sei einfach dort gewesen, sagte der Regisseur kürzlich. Man habe es nicht extra aufgehängt. Es bleibt festzuhalten, dass man es auch nicht abgehängt hat.

Die Zensur jedoch schlug zunächst von Seiten moralischer Instanzen des Landes zu. Dieses ein wenig an den Hays Code erinnernde legislative Verfahren, das seit dem 1. Juli 2014 Obszönität in Filmen strengsten untersagt, forderte erfolgreich erhebliche Kürzungen des Films aufgrund der vulgären Sprache, der alkoholisierten Deftigkeit, die jeden Frame von Leviathan beleuchtet und die so viel von der Stimmung des Films trägt, dass ihr Herauslassen schlicht ein Angriff auf den Film und seine Kunst bedeutet. Dennoch musste der Film nun in dieser gekürzten Version in den Kinos starten, was Zvyagintsev dazu verleitete, Zuseher zu illegalen Downloads aufzufordern, damit sie sich nach dem Kino ein Bild von der tatsächlichen Sprache des Films machen können. Ähnliches gelte für jene Menschen, die in Städten leben, in denen man den Film nicht sehen könne. Der Film startete mit einer durch die politische Kritik am Film verursachten Verzögerung mit 650 Kopien in Russland.


(Filmbild aus Leviathan; Copyright: Wild Bunch Germany)

So oder so sind die Ereignisse rund um den Film und seinen Kinostart ein Sinnbild für die politische Stimmung eines Landes, das nach Meinung vieler, auch des Filmemachers selbst, auf eine grauenvolle Zukunft blickt, wenn sich die politischen Tendenzen nicht deutlich verschieben. Langsam offenbaren sich Zensurvorgänge, die an Zeiten unter Stalin erinnern (man denke nur an die Veröffentlichungsgeschichte von Doktor Schiwago und die Irrungen um den Autor Boris Pasternak), und obwohl Leviathan vielen dieser Mechanismen noch entgehen konnte und sogar mit staatlichen Geldern teilfinanziert wurde, weht dem Film nun auch der eisige Wind einer drohenden oder bereits existierenden Diktatur entgegen.  

Leviathan musste nicht nur mit einigen Einschränkungen bezüglich des Kinostarts leben sondern wurde auch öffentlich harsch und zum Teil irrational kritisiert. Besonders Aussagen des russischen Kulturministers Vladimir Medinsky taten sich dabei hervor. Er sagte tatsächlich: "Wir lassen alle Pflanzen wachsen, aber wir wässern nur die, die wir mögen." Der Kulturminister beschuldigte den Film, ein negatives Bild von Russland zu zeichnen und Zvyagintsev, dass er damit nur berühmt werden und internationale Preise gewinnen wollte. Auch in Russland sind solche Äußerungen eigentlich verfassungswidrig. In der aufgehetzten Stimmung des Landes geht dies aber völlig unter. Andere Stimmen wurden laut, die Leviathan als Anti-Putin Manifest und als ideologische Rechtfertigung für den Genozid an Russen verdammten. Der Bürgermeisters des Drehorts Teriberka beschwerte sich über die Darstellung eines dreckigen Russlands und diverse orthodoxe Gruppierungen bemühten sich um ein Verbot des Films und regten gar eine Verfolgung und Bestrafung des Darstellers an, der den Erzbischof spielte. Sergey Markov, ein Unterstützer der Regierung forderte gar, dass sich Zvyagintsev auf dem roten Platz hinknien solle und sich bei seinen Landsleuten entschuldigen müsse.


(Filmbild aus Leviathan; Copyright: Wild Bunch Germany)

Selbstverständlich ist die Lage nicht ganz so einseitig. Immer wieder gibt es auch Befürworter des Films. So nannte ein Bischof aus Murmansk den Film vor kurzem "ehrlich" und auch die staatliche Unterstützung des Films kann nicht einfach unter den Tisch gekehrt werden. Für den bekannten russischen Produzenten des Films, Alexander Rodnyansky ist Leviathan jedoch die Ausnahme zur Regel, denn die nationale Filmindustrie würde vor allem patriotische Filme mit heroischen Figuren unterstützen. Außerdem wären die circa zwölf Prozent der Filmfinanzierung, die staatlich getragen worden sind, Resultat einer Kampagne, die eine Offenheit der Regierung propagieren wolle, so Rodyansky. Tatsächlich berichteten die staatlichen Fernsehsender kaum über den Golden-Globe-Gewinn von Leviathan. In der Zwischenzeit hat das Kulturministerium eine Liste mit Themen veröffentlicht, die sich zukünftig Hoffnung auf staatliche Förderung machen können. Jene Pflanzen, die gewässert werden… Dabei würden unter anderem Themen rund um die Ukraine in der tausendjährigen russischen Geschichte, die positive Darstellung von russischen Familienwerten, die Glorie des russischen Militärs, moderne Helden im Kampf gegen Korruption (!) und Kriminalität und inspirierende Erfolgsgeschichten gefördert werden. Es werden sogar staatliche Drehbuchwettbewerbe auf der Suche nach patriotischen Stoffen abgehalten.

Mehr und mehr werden es Produktionen wie Leviathan schwer haben, sich unter diesen Bedingungen zu finanzieren. Zvyagintsev stellt sich nicht gegen die entstehenden Propagandafilme, betont aber, dass es alle Sorten von Film geben müsse. Es stellt sich die Frage, inwiefern bei Zvyagintsev und auch vielen seiner Landsleute nicht ohnehin schon eine Selbstzensur greift. Die Tendenzen im russischen Kino zu vagen Stellungnahmen, abstrakten Andeutungen und vor allem allegorisch verkomplizierten Zuständen sind nicht von der Hand zu weisen. Dennoch greift der Staat zumindest bis heute nicht ein in dieses Schaffen und so konnte sich – wie so oft – gerade aus dieser Ambivalenz einer künstlerische Sprache entwickeln, die nach einer Krise in den 1990er Jahren durchaus wieder von hohem Wert ist. In diesem Sinn kann man nur hoffen, dass diese Pflanzen sich selbst bewässern können, damit nicht nur sie weiter wachsen können, sondern auch die Köpfe derer, die das Wasser verteilen. Film steht in diesen Konflikten natürlich nicht an oberster Stelle, aber wie so oft steht er für so viel mehr als nur sich selbst.

(Patrick Holzapfel)