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15 14/12

Advent, Advent: Katrin Doerksen über "The Assassin"

,…der ihr gezeigt hat, dass es nicht schlimm ist, wenn man nicht alles versteht.


(Katrin Doerksen)

Jeder leidenschaftliche Festivalgänger wird mir zustimmen: Filmfeste sind nicht immer eine rauschende Party. Manchmal sind sie auch arg ermüdend, und nicht jeder Beitrag schafft den Aufstieg in die persönliche Bestenliste. Rückblende, Mai 2015: ich stecke irgendwo im letzten Drittel des Festivals de Cannes fest. Genau genommen in der Schlange zum letzten Film des Abends. In der Mittagsvorstellung bin ich vorhin schon einmal eingeschlafen, ich geb’s ja zu. Und nun steht da dieser Wuxia auf dem Programm, in Mandarin natürlich. Es ist kurz vor 19 Uhr, noch zwei Stunden, bis ich nach Hause darf.

The Assassin beginnt, der jüngste Film von Altmeister Hou Hsiao-Hsien. Bilder in Schwarzweiß scheinen auf der Leinwand auf, eine Wiese, heranziehende Krieger, wildes Blätterrauschen. Und schließlich Qi Shu in der Rolle der titelgebenden Kriegerin Yinniang – eine schlanke, flinke Gestalt mit aristokratisch edlen Gesichtszügen, von Kopf bis Fuß schwarz gewandet. Ein Messer durchsticht den Haarknoten auf ihrem Kopf. Seit ihrem zehnten Lebensjahr wurde Yinniang von einer Nonne erzogen und zur perfekten Killerin ausgebildet. Aber sie mordet nicht so eiskalt wie sie soll – und weil sie Gnade walten lässt, wird ihr eine bittere Strafe zuteil: In der weit entfernten Provinz Weibo soll sie den Gouverneur Tina Ji’an töten, dem sie als junges Mädchen versprochen war.


(Trailer zu The Assassin)

Es ist so: Ich kann auf Mandarin "hallo" und "danke" sagen, habe über die Jahre ein Interesse an Dramen und Komödien aus Asien entwickelt, gehe in alle zu erreichenden Ausstellungen von Ai Weiwei und erinnere mich mit Vorliebe an vier jetlag-dröselige Tage in Shanghai. Aber die chinesische Historie ist an deutschen Schulen wirklich sträflich unterrepräsentiert. The Assassin ist im 8. Jahrhundert während der Tang-Dynastie angesiedelt. Der Film erzählt viel mehr als eine rudimentär zwischenmenschliche Geschichte: Zahlreiche Verwicklungen prägen seinen Handlungsverlauf; Intrigen bei Hofe, Machtablösungen, Politik, Verschwörungen. Ich müsste lügen, würde ich so tun, als hätte ich alles verstanden, jede Sequenz in ihrer Informationsdichte durchdrungen. 

Das Schöne dabei: ich musste gar nicht alles im Detail nachvollziehen können. Eine Frage, die ein Film à la The Assassin einer unbedarften Zuschauerin wie mir in diesem Fall stellt, lautet: Wie viel muss ich eigentlich wissen, um zu verstehen? Insofern funktioniert Hou Hsiao-Hsiens Werk ein bisschen wie ein visuelles Gedicht. Und das ist nicht nur als ausgelutschte Redewendung zu verstehen. Ich muss nicht über Alexandriner und jambische Pentameter dozieren können – damit ihr Rhythmus und ihre Schönheit auf mich wirken können. Von The Assassin bleiben berauschende Bilder im Kopf: die perfekt durchgezeichneten Schwarzweißbilder werden bald von Farbe abgelöst, jeden einzelnen Frame möchte man rahmen und an die Wand hängen. Im Film kommt zudem die Dimension Zeit ins Spiel und Hou Hsiao-Hsien macht sie auf das Sinnlichste erfahrbar: in Form wirbelnder Röcke einer Gruppe Tänzerinnen, durch den schweren, bunten Seidenbrokat der Kimonos, die würdevoll über Holz- und Waldböden schleifen. Durch blitzschnelle Stiche mit dem Dolch, durch das tanzende Licht, das durch die Äste eines Birkenwäldchens blitzt, in dem sich Yinniang mit einer weiteren Assassine duelliert. Durch aufsteigenden Rauch oder im Wind wiegende Tücher, die der Kamera den direkten Blick auf die Figuren verwehren. 

Dann ist The Assassin plötzlich vorbei, kurz vor 21 Uhr. Hatte ich nicht genau auf diesen Moment gewartet? Nach dem ersten Abflauen der Kinotrance der Blick auf das Programm der nächsten Tage: lässt es vielleicht eine Lücke zur Zweitsichtung? Auch dann werde ich vielleicht nicht viel mehr verstehen. Aber das macht überhaupt nichts.

(Katrin Doerksen)

 

Katrin Doerksen widmet dem Film einen stattlichen Anteil ihrer Lebenszeit: für kino-zeit.de schreibt sie vorrangig die News, auf Blogs wie dem Gemeinschaftsprojekt filmosophie.com oder ihrem eigenen l`âge d’or über Kinostarts, Fundstücke und Gedanken. Außerdem bereitet sie sich gerade auf ihre Masterarbeit in Filmwissenschaften an der FU Berlin vor. Sie twittert unter @katrindoerksen